05. Mai 2018, 12:20 Uhr

Dörfer

Im Wiesenweg lässt es sich gut leben

»Das ist wie Urlaub zu Hause« oder »Da ist doch der Hund begraben«. Am Beispiel von Gemünden mit sieben Ortsteilen wird die Entwicklung des ländlichen Raumes anschaulich.
05. Mai 2018, 12:20 Uhr

Der Wiesenweg in Nieder-Gemünden ist eine ruhige Seitenstraße mit 17 Häusern. Einheimischen fällt dazu noch ein, dass er im Ortsteil Bahnhof liegt, denn am unteren Ende wird die Straße durch einen hohen Bahndamm mit dem anschließenden Bahnhofsgelände begrenzt. Das alte Nieder-Gemünden liegt jenseits der Felda und dem weitläufigen Gelände des Sportvereins. Die Bebauung im Wiesenweg reicht von einfachen Nachkriegshäusern bis zu eben erst fertiggestellten Gebäuden.

Die Neubauten signalisieren: Dort lohnt es sich zu leben oder sich neu anzusiedeln. So wie es Lothar Bott gesehen hat. Der aus Herbstein gebürtige Bürgermeister ist im Frühjahr 2004 zugezogen, er hat die Entwicklung in der kleinen Straße hautnah miterlebt. Er erinnert sich an Menschen, die dort lebten, er kennt die, die dort immer schon wohnen und die, die zugezogen sind.

»Hier kann man alles fußläufig erledigen«, stellt der Bürgermeister die Vorteile heraus. Im Ortsteil ist die Grundschule mit Sporthalle, der Kindergarten, es gibt Ärzte, eine Apotheke, einen Einkaufsmarkt, eine kleine Bankfiliale mit Automaten, einen Friseur, eine katholische Kirche und wenn man über den Brühlsteg die Felda zum alten Ortsteil hin überquert, erreicht man den Sportplatz und das Rathaus sowie die Einrichtungen der evangelischen Kirchengemeinde. Weiteres wesentliches Plus ist der Bahnhaltepunkt der Vogelsbergbahn, der demnächst modernisiert werden soll, um das Nutzen von Bus und Bahn so angenehm wie möglich zu gestalten. Dass die Bahn von Pendlern genutzt wird, davon zeugen die rund ein Dutzend Pkw tagsüber am Parkplatz entlang der Gleise.

Der Wandel hat gleichwohl auch negative Spuren hinterlassen. Waren Anfang des Jahres 2005 noch insgesamt 3265 Einwohner mit Hauptwohnung in Gemünden gemeldet, verringerte sich die Zahl bis Anfang 2015 um insgesamt 430 auf 2835 Einwohner. Dies bedeutet einen Einwohnerrückgang von fast 14 Prozent. Bei der Vorlage der Zahlen hatte der Bürgermeister ein sehr einprägsames Bild parat: »Der Bevölkerungsrückgang ist mehr als der Verlust der Ortschaften Hainbach, Otterbach und Rülfenrod zusammen.«

Der Einwohnerschwund zeigt sich nicht nur in leerstehenden und teils verfallenden Gehöften, er ist auch ein Ballast für die verbliebenen Einwohner in der Zukunft. Denn die anfallenden Kosten für die Infrastruktur wie Wasser und Kanal müssen auf immer weniger Personen verteilt werden. Auch deshalb sieht Bott die Bewältigung des demografischen Wandels als eine der herausragenden Aufgaben für die Gemeinde.

Von der Stadt aufs Land

Als Bürgermeister Bott in den Wiesenweg zog, gab es noch ein paar freie Grundstücke, die mittlerweile bebaut sind. Und wenn in einem der älteren Häuser der letzte Bewohner in ein Altersheim zog, zu den Kindern ging oder verstarb, dann dauerte es nie lange, bis sich ein Käufer fand.

Die Käufer kamen aus dem Ort, oder aus der näheren Umgebung. Bott hat aber auch einen Trend ausgemacht, dass Menschen mehr und mehr die hohen Mieten in den Ballungsräumen scheuen und für weniger Geld auf dem Land Eigentum erwerben können. Dass sie dann gegebenenfalls zur Arbeit weit fahren müssen, nehmen sie offenbar in Kauf, denn die Anbindung durch Eisenbahn und Autobahn ist ja gut.

Und Bott hat zudem beobachtet, dass mehr und mehr Alteingesessene ihr Domizil aufwerten, Fassaden werden hergerichtet und die Außenlagen verbessert. »Das war früher einmal Wildnis, dann kamen drei Bäume weg, und man sah einen Bungalow«, erinnert sich der Bürgermeister an einen Fall.

Und im Wiesenweg finden sich auch Familien zusammen: Neben einer Seniorin ist ein Enkel mit Eltern eingezogen, Jung kann sich so um Alt kümmern, die Großmutter um ihr Enkelkind. Es dürfte mittlerweile fast ein Dutzend Kinder im Wiesenweg leben, überschlägt Bott. Und wenn ein alter Mensch der professionellen Hilfe bedarf? Ein Pflegedienst ist am Ort, zwei weitere in Nachbargemeinden, auch in dieser Hinsicht ist in Gemünden vorgesorgt.

Bei aller Euphorie, dass sich in Gemünden positive Entwicklungen gegen den allgemeinen Bevölkerungsrückgang auf dem Land ausmachen lassen, einige Fakten deuten auf eine Minderung des Infrastrukturangebotes hin. Im Wiesenweg gab es einst am unteren Ende des Grundstückes Nummer 17 eine Poststelle, und an der oberen Ecke das Textilhaus Christ. Von letzterem zeugt nur noch eine Kachel in der Fassade. Der kleine Spielplatz in der Parallelstraße oberhalb wurde abgebaut, eine Backwaren-Verkaufstelle im ehemaligen Raiffeisenlager konnte sich nicht halten. Aber die Vorteile zum Leben im Wiesenweg müssen überwiegen – dafür spricht der Zuzug.

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