Weitere Einblicke in das therapeutische Dorf der Freien Lebensstudiengemeinschaft Melchiorsgrund gab es am Montag am Landgericht Gießen. Dort ging das Verfahren gegen den ehemaligen Geschäftsführer und zwei weitere Angeklagte weiter. Geld, das für die Betreuung von Suchtkranken vorgesehen war, soll in ein Hafenprojekt in Georgien geflossen sein. Zudem geht es um eine mögliche Begünstigung von Bekannten und Verwandten von zwei Angeklagten durch Stipendien. Insgesamt soll ein Schaden von rund 260 000 Euro entstanden sein.

Vor Gericht sagte eine Frau aus, die bis 1996 in der Einrichtung gearbeitet hat. Sie war 1996 im Unfrieden gegangen (»Ich konnte es nicht mehr ertragen«), hatte aber nach ihren Aussagen weiter Einblick in viele Vorgänge. Nachdem der frühere Geschäftsführer aus der Leitung ausgeschlossen war, hatte sie im Vorstand mitgearbeitet und sich auch die Finanzen angeschaut: »Ich war überrascht vom Ausmaß der Probleme.« Was das Hafenprojekt angeht, so sei gemunkelt worden, der frühere Leiter habe sich verhoben und sei wohl »von der georgischen Mafia über den Tisch gezogen worden«.

Sie machte keinen Hehl daraus, welche Abneigung sie gegen den früheren Chef hegt. Der sei Choleriker, dulde keine Kritik und mobbe Menschen, wenn sie in sein Fadenkreuz geraten. Es habe regelrecht Angst vor ihm geherrscht. Wer nicht in Ungnade fiel, der habe aber durchaus Vergünstigungen genossen. Was das Hafenprojekt im georgischen Poti angeht, so sei das offenkundig sein Privatvergnügen gewesen, für Suchtkranke sah sie dort keine Einsatzmöglichkeit. Was die Einrichtung angeht, so habe ständig »Chaos geherrscht«. Die neben dem Verein bestehende GmbH sei eine Spielwiese des früheren Chefs gewesen. Allerdings, das merkte sie auch an, die Nachfrage nach Therapieplätzen sei groß, zumal die Fachklinik Menschen mit sogenannten Doppeldiagnosen aufnimmt. Eine frühere Sekretärin nannte das Hafenprojekt ein »Utopia,« sie wisse sonst aber wenig über die Vorgänge.

Eine andere Sekretärin berichtete, dass sie regelmäßig die Anweisung hatte, monatlich Geld an einen Berater für das Hafenprojekt zu überweisen. Der Mann, ein Unternehmensberater aus Hamburg, sagte danach aus. Er hatte über einen Bekannten, der in der Einrichtung behandelt wurde, Kontakt zum früheren Geschäftsführer bekommen. Im Gerichtssaal sah sich der sehr eloquent auftretende Zeuge erstaunlicherweise einmal vorsichtig um, ob der erwähnte Patient nicht vielleicht unter den Zuhörern war. Der Name solle nicht genannt werden. Bekannt ist, dass im Melchiorsgrund regelmäßig auch Patienten mit prominentem oder vermögendem Hintergrund betreut werden.

Er habe den Auftrag gehabt, das Hafenprojekt gangbar zu machen und mit möglichen Investoren zu sprechen, aber auch die jeweiligen Politiker mit ins Boot zu holen. Für zwei Arbeitstage im Monat stellte der Berater 5000 Euro in Rechnung, das sei üblich. Zudem war ein Erfolgshonorar vereinbart. Gezahlt wurde nur auf ausdrückliche Nachfrage, später nicht mehr, damit endete seine Tätigkeit. Er merkte noch an, der Angeklagte sei ein eher untypischer Kunde. Denn: »Mögliche Gewinne aus dem Hafen sollten in das Naturschutzprojekt gehen.«

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