28. März 2018, 21:27 Uhr

Wir alle könnten Judas sein

28. März 2018, 21:27 Uhr
Bruno Lehan in »Judas«. Der Koblenzer erntete mit seinem eindringlichen Spiel begeisterten Applaus. (Foto: pm)

Der Koblenzer Schauspieler Bruno Lehan zeigte jetzt in der ehemaligen Synagoge in Romrod »Judas«, einen Schauspielmonolog von Lot Vekemans. Judas ist eingegangen in die Geschichte als der Prototyp eines Verräters: Judas Ischarioth, der Jesus für 30 Silberlinge an seine Feinde auslieferte und sie mit dem berühmten »Judaskuss« zu ihm führte.

Weltweit steht er noch heute für Schlechtigkeit. Zeit also für eine Rehabilitation, zumindest aber für ein differenzierteres Bild dieser ambivalenten Persönlichkeit. Lot Vekemans »Judas« versucht dies mit ungewohnten Sichtweisen auf die mythische Figur. Und Bruno Lehan verleiht ihm mit seinem Spiel eine eigene Stimme und gibt ihm die Möglichkeit, sich, seine Motive und Ziele darzulegen.

Judas hat etwas zu erzählen, er arbeitet gewissermaßen an seinem Image. Seine Darbietung kostet Eintritt, dessen ist der Mann sich bewusst. Deshalb redet er zunächst einmal jenem anonymen Zuschauer ins Gewissen, von dem er glaubt, er hätte nicht bezahlt. Natürlich ergebnislos. Ehrlichkeit ist diesem Selbstdarsteller wichtig.

Er spricht das Publikum direkt an, erzählt seine eigene, die unbekannte Geschichte der Verbindung und vielleicht sogar Freundschaft zwischen ihm und Jesus. Er schildert mit einfachen, doch eindringlichen Worten seinen Werdegang bis zur historischen Tat. Entscheidend aber sind die Reflexionen zu eben dieser Tat – denn in der Motivation für den Verrat verbirgt sich der Sprengstoff.

Judas sucht den Kontakt zum Publikum, verstrickt es in seine Überlegungen, bis deutlich wird: Wir alle könnten dieser Judas sein, sein Schicksal ist auch unsere Tragödie. So thematisiert er den Gegensatz zwischen Glauben und Zweifel. Nicht der Glaube, sondern der Zweifel sei produktiv, sagt Judas, weil er den Menschen zum Handeln bringt. Wer glaubt, der möchte nichts ändern, wer zweifelt, will den Zweifel loswerden.

Das ist die Philosophie dieses Mannes, der nichts Dämonisches an sich hat. Seine Sprache ist einfach, direkt und emotional. Die holländische Autorin Vekemans gibt einer Figur das Wort, die in der Historie zu kurz gekommen ist – und sie zeigt sie jenseits von Schwarz und Weiß ohne Wertung in Gut und Böse. Ein sehr dichter und spannender Theatermonolog, der mit wenigen Mitteln die Zuschauer packt und in eindringlicher Weise mit elementaren Fragen konfrontiert. Die Darbietung an diesem Abend hatte wegen der Örtlichkeit in der ehemaligen Synagoge einen ganz besonderen Reiz, darin war sich das begeisterte Publikum einig. Beim anschließenden Umtrunk nahmen die Zuschauer die Gelegenheit war, direkt mit dem Schauspieler über das Stück und sein Spiel zu reden.

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