28. März 2018, 08:15 Uhr

Flüchtlinge

Flüchtlinge zieht es in die Stadt

Hoffnungen auf neue Bürger im Dorf haben sich nicht erfüllt. Immer mehr Flüchtlinge ziehen vom Dorf in die Städte Alsfeld und Lauterbach. Gemündener Helfer berichten.
28. März 2018, 08:15 Uhr
Auslaufmodell: Helfer des Flüchtlingskreises und Zuwanderer kommen beim Begegnungscafé in Gemünden zusammen. (Fotos: jol)

Die Kinder finden am schnellsten Kontakt in der Halle des Gemeinschaftshauses. Sie spielen Nachlaufen und reden munter durcheinander, dabei mischen sich arabisch und deutsch. Beim Begegnungscafé kommen auch die Erwachsenen zusammen, doch dauert es eine Weile, bis sie sich mischen. Die Helfer des Flüchtlingskreises Gemünden suchen bei Kaffee und Kuchen das Gespräch mit Geflüchteten. Da unterhält sich eine Gruppe Eritreer, etwas weiter eine syrische Familie mit Kleinkind, Menschen aus dem arabischen Raum und Afghanen bilden Grüppchen. Das bunte Miteinander ist ein Auslaufmodell. Die große Gemeinschaftsunterkunft in Gemünden wird geschlossen, übrig bleiben zwei kleinere Einrichtungen. Die Bewohner zieht es in die Städte. »Die Hoffnung, dass die Flüchtlinge beitragen, die Dörfer zu beleben, hat sich nicht erfüllt,« sagt Rainer Lindner.

Erst seit kurzem ist das Aus für die Gemeinschaftsunterkunft offiziell. Das Gebäude wird derzeit über das Internet zum Verkauf angeboten, für 280 000 Euro kann man es erwerben. Den Trend der Flüchtlinge in Richtung der Städte bedauert Raghad al Badri auch deshalb, »weil es in Gemünden sehr hilfsbereite Menschen gibt«.

Die Übersetzerin für Arabisch lebt seit Jahren in Alsfeld. In der Kleinstadt sind die ehrenamtlichen Unterstützer durch die Zunahme von Problemen und bürokratischen Hürden inzwischen stark gefordert. Sie beobachtet, dass viele der muslimischen Geflüchteten gleich aus mehreren Gründen nach Alsfeld oder Lauterbach ziehen, wenn es möglich ist. So ist eine Familie aus Syrien froh, eine Wohnung in Alsfeld gefunden zu haben. »Die Leute haben kein Auto und nur wenig Geld für die Fahrtkosten zum Sprachkurs,« so al Badri. In Lauterbach gibt es einen türkischen Laden mit Lebensmitteln, die religiöse Muslime essen dürfen. Fachärzte, Krankenhaus und Sprachkurse sind weitere Argumente für die größeren Kommunen.

Kazim Ehsas ergänzt, dass in den Zentren mehr Arbeitsplätze vorhanden oder diese leichter zugänglich sind. So wollen manche studieren, andere würden gern bei einem Onlineversandhändler arbeiten, der Mitarbeiter von Alsfeld mit dem Bus abholt, wie der Dolmetscher für Afghanisch anfügt.

Uli Kill bestätigt das, viele Geflüchtete können inzwischen gut genug deutsch sprechen, dass sie nun intensiv auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind. »Das ist das Dilemma in Gemünden: Wir haben intensiv nach Arbeitsplätzen für die Menschen gesucht, aber es ist schwierig«. Er hat bei allen Firmen in der Gemeinde nach Praktika gefragt und es gab nur zwei Angebote in einem Gartenbaubetrieb und in einer Schreinerei.

Die meisten örtlichen Betriebe sind klein, »die haben keinen Mann frei, den sie mal neben einen Praktikanten stellen können«. Ein Maschinenbauunternehmen bietet nur hochspezialisierte Arbeitsplätze, auch das ist nichts für die Geflüchteten. Oftmals reichen auch die mittleren Sprachkenntnisse der Geflüchteten nicht aus.

Kill fand Arbeitsplätze bei einer Weberei in Leusel, doch die Menschen können mit Bus und Bahn nur schlecht in diesen Alsfelder Stadtteil gelangen. Da ist es einfacher, in die Städte zu ziehen, um Arbeitsplätze leichter zu erreichen. Ehsas berichtet von einer afghanischen Familie, die sogar nach Kassel gezogen ist. Dort fand man eine Wohnung und einen Arbeitsplatz.

Es gibt auch sogenannte weiche Faktoren, die Menschen in die Städte treiben. Raghad al Badri spricht das Gefühl der Sicherheit an, das viele Geflüchtete bewegt. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie mit Menschen in ihrer Heimatsprache reden können. Das führt sie in die größeren Orte. Das erleichtert aber nicht die Integration in die Gesellschaft. Sie gelingt oft besser in kleinen Gemeinden wie Gemünden, wo man leichter ins Gespräch kommt. Allerdings stellen Helfer wie Peter Gabriel fest, dass es einen begrenzten Kreis an Teilnehmern bei den Begegnungscafés gibt. Nur bei Veranstaltungen wie dem Vortrag des Astrophysikers Harald Lesch kommen mehr Menschen. Gabriels Wunsch: »Es muss beides geben, einen Ort der Sicherheit und einen Ort der Begegnung«.

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