02. März 2018, 21:02 Uhr

Stolpersteine mahnen

Es ist eine kalte Atmosphäre am Freitag rund 80 Jahre nach der Vertreibung von Juden aus Kirtorf. Ebenso kalt, wie die nationalistisch und rassistisch geprägte Gesellschaft im Dritten Reich mit Minder- heiten und Andersdenkenden umging. Elf Stolpersteine verlegt am Nachmittag der Künstler Gunter Demnig, Erinnerung an elf Schicksale.
02. März 2018, 21:02 Uhr
Elf Stolpersteine verlegt Künstler Gunter Demnig am Freitag vor drei Häusern in Kirtorf. (Fotos: rs)

Es ist ein großes Fest, die 1100-Jahr-Feier der Stadt in diesem Jahr, das Jubiläum wird mit mehreren Veranstaltungen begangen. Am Freitagnachmittag gab es in diesem Festreigen einen ersten Termin, kein freudiger, aber ein nötiger. Helmut Meß, Dieter Schmidt Pedro Valdivielso und Adolf Naumann zeigten sich sehr zufrieden mit der Aktion. Sie stehen für die Initiatoren der Stolperstein-Verlegung, für die sich der Kirtorfer Heimatverein und das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus Kirtorf eingesetzt haben. Sie wurden unterstützt über das Bundesprogramm »Demokratie leben«, was getragen wird vom Bundesfamilienministerium.

Zwei Arbeiter der Baufirma Caspar unterstützten Künstler Demnig, der das Verlegen der Stolpersteine bewusst nicht vorbereitet haben möchte. Denn neben der allgemeinen gesellschaftlich und historisch relevanten Aussage der Stolpersteine gilt ihr Verlegen immer noch als Kunstaktion, auch wenn sie seit der Jahrtausendwende in über 60 000 Fällen in über 1100 Kommunen stattgefunden hat. So waren am Freitag die Verlegestellen nur farblich im Pflaster markiert, es waren Stellen in der Neustädter Straße sowie in der Marburger Straße. Das Aufnehmen von zwei oder drei Pflastersteinen durch die beiden Arbeiter verfolgte nur eine kleine Gruppe von höchstens zwei Dutzend Bürgern. Vielleicht waren es die Minusgrade, die weitere Interessenten abgehalten haben, dem Projekt eines europaweit bekannten Künstlers in ihrer Stadt beizuwohnen. Rund zwölf Zentimeter tief mussten die Löcher im Pflaster sein, dann holte Demnig die vorbereiteten Stolpersteine aus seinem Werkstattwagen. Für die Verlegearbeiten hat er immer alles dabei. Er kniet sich dann vor das Loch, prüft den Sitz der Steine, verfüllt die Ritzen und fegt feinsäuberlich wieder Splitt und Staub weg.

Die Steine, die auf der Oberseite kleine Metallplatten mit den Namen der Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft tragen, verlegt er vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster. Dazu müssen übrigens die Eigentümer der Häuser um Erlaubnis gefragt werden, auch wenn die Steine im öffentlichen Raum verlegt werden. Denn die Botschaft der Stolpersteine kann auch heute noch als Stigma verstanden werden. Mit wachrüttelnden Gedichten von Martin Niemöller, Erich Fried und Jesse Krauß gemahnte Pedro Valdivielso an den drei Verlegeorten jeweils an die Vorgänge von damals. Die Texte verbindet die Botschaft, dass die beschriebenen Vorkommnisse aus der Vergangenheit jederzeit wieder stattfinden könnten. Dafür, einschlägigen Anfängen zu wehren, steht insbesondere das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus Kirtorf.

Die elf Stolpersteine wurden an den folgenden Stellen verlegt: Vor dem Haus Neustädter Straße 8, dort wohnten einst Sigmund Plaut, geboren 1880, deportiert 1942 und ermordet im besetzten Polen. Es wohnten dort ebenso Martin Plaut, geboren 1916, der 1937 in die USA flüchtete, sowie Gertrud Plaut, geboren 1919, die 1939 nach England flüchtete. In der Marburger Straße 2 wohnen Hirsch Herrmann, geboren 1872, deportiert 1942 nach Theresienstadt, ermordet am 22. Dezember 1942, ferner Rosalie Herrmann geborene Sondheim, Jahrgang 1875, deportiert 1942 nach Theresienstadt, ermordet am 9. März 1943 und Theresa Sondheim, geboren 1880, deportiert 1942 und ermordet im besetzten Polen. Weitere fünf Steine wurden vor dem Haus in der Marburger Straße 54 verlegt. Dort wohnten Albert Kaufmann, geboren 1881, deportiert 1942 und ermordet im besetzten Polen; Gitta Kaufmann, geborene Sommer, Jahrgang 1889, deportiert 1942, ermordet im besetzten Polen; Theodor Kaufmann, Jahrgang 1915, der 1935 nach Palästina flüchtete; Hans Siegbert Kaufmann, geboren 1919, der 1937 in die USA flüchtete; Therese Sommer, geborene Münz, Jahrgang 1861, deportiert 1942 nach Theresienstadt, ermordet am 8. Februar 1943.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Das dritte Reich
  • Deportationen
  • Erich Fried
  • Flucht und Vertreibung
  • Gunter Demnig
  • Juden
  • Kaufmann
  • Mord
  • Nationalismus
  • Rassismus
  • Schicksal
  • Vogelsberg
  • Rolf Schwickert
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 2 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.