05. November 2017, 12:00 Uhr

Besuch aus den USA

Gebet für den Urgroßvater

Vater Hans flüchtete 1937 aus Kirtorf in die USA und befragte später als US-Soldat deutsche Kriegsgefangene. Nun erlebte sein Sohn Ron Kaufman einen bewegenden Aufenthalt am Gleenbach.
05. November 2017, 12:00 Uhr
Alene und Ron Kaufman mit Helmut Meß (Mitte) am Grab von Urgroßvater Feist Sommer. (Foto: jol)

Seit den 1930er Jahren hat sich in Kirtorf viel verändert. Das merkte Ron Kaufman schnell, als er mit Helmut Meß die Heimat der Vorfahren erkundete. Zusammen mit seiner Frau Alene war der 67-Jährige kürzlich das erste Mal in Deutschland. Im Anschluss an eine Rundfahrt auf den Spuren der jüdischen Vorfahren besuchte das Paar auch Kirtorf, aus dem der Vater Rons stammte. Hans Kaufmann war 1937 als 17-Jähriger in die USA gekommen, »sein Onkel hat für ihn gebürgt, das war damals die einzige Möglichkeit, in die Staaten zu kommen,« erläutert Ron. Hans änderte seinen Namen in Harry Kaufman ab, weil er befürchtete, als US-Soldat bei einer möglichen Gefangenschaft als deutscher Jude erkannt zu werden.

Gemälde zurückgegeben

Das alte Wohnhaus der Familie steht nicht mehr, auf dem Grundstück an der Marburger Straße begann dennoch mit Helmut Meß vom Heimatverein Stadt Kirtorf die Spurensuche. Auf dem Areal steht heute der Laden der Gärtnerei Strack. Gundula Strack hatte noch eine alte Weihnachtskarte von Harry und Anne Kaufman an ihren Vater. Sie erinnerte sich daran, dass die Steine vom alten Haus auf dem Grundstück vergraben wurden. Beim Verlegen einer Telefonleitung entdeckten die Bauarbeiter den alten Türsturz mit einer Rille und einer Münze darin. Vielleicht sollte das Glück bringen, vermuteten Ron Kaufman und Gundula Strack.

Auf dem Friedhof betete das Paar am Grab von Feist Sommer, Rons Urgroßvater, der von Crainfeld nach Kirtorf gezogen war. Meß hat noch zwei weitere Grabstätten von Angehörigen Ron Kaufmans ermittelt, auf denen die Besucher ebenfalls ein Steinchen zum Gedenken platzierten. Weitere Stationen waren das Museum Stadt Kirtorf, das alte Schulgebäude und die frühere Mikwe (jüdisches Tauchbad). Ein Besuch der ehemaligen Synagoge Ober-Gleen rundete die Rundfahrt durch den Heimatort der Vorfahren ab.

Im Rathaus trafen die Kaufmans mit Bürgermeister Ulrich Künz zusammen. Übersetzt von Veronika Bloemers versicherte Künz den Besuchern, welchen Stellenwert der jüdischen Geschichte in Kirtorf beigemessen wird. So habe man schon vor Jahren in Büchern über dieses Kapitel der Gemeindegeschichte informiert. Viel Recherche habe Albert Naumann geleistet. Mit großem Aufwand wurde die leerstehende alte Synagoge Ober-Gleen restauriert. Zufällig gesellte sich zu dem Gespräch im Rathaus Ursula Lang hinzu, die sich mit Freude an den guten Kontakt ihrer Mutter mit Hans Kaufmann erinnerte. Im Museum gab Meß einen Überblick über die Ortsgeschichte.

Stolpersteine werden verlegt

Ron erinnerte an viele Schilderungen seines Vaters zu Kirtorf. Als Harry Kaufman in den 1980er Jahren zu Besuch war, sprach ihn eine Ortsbewohnerin an, die ihn gleich wieder erkannte. Sie überreichte ihm ein Gemälde, das die Kaufmanns 50 Jahre zuvor den Nachbarn anvertraut haben. Es war bewegend, nach fünf Jahrzehnten das Erinnerungsstück wieder zu bekommen, sagt Ron Kaufman. Mit großem Interesse hörten Alene und Ron Kaufman von Helmut Meß, dass im nächsten Jahr Stolpersteine in Kirtorf verlegt werden sollen. Das ist eine Aktion des Künstler Gunter Demnig aus Köln, der Betonwürfel mit Messingschild in Gehwege setzt. Sie erinnern namentlich an die Bewohner des betreffenden Hauses, die im Dritten Reich in den Tod verschleppt wurden. Drei Angehörige Ron Kaufmans stehen auf der Liste des Heimatvereins.

Den ersten Besuch in Deutschland fanden Alene und Ron Kaufman ausgesprochen anregend und spannend. »Besonders das deutsche Bier« lobte der ehemalige Mitarbeiter der US-Küstenwache.

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