06. Juni 2017, 12:00 Uhr

Lesung

Ein Leben voller Liebe und Leid

150 Zuhörer lauschen in Homberg einer deutsch-italienischen Familiengeschichte voller Liebe, Leid und Leidenschaft, vorgetragen vom Autoren des erfolgreichsten Debütromans Deutschlands.
06. Juni 2017, 12:00 Uhr
Daniel Speck entführt sein Nieder-Ofleidener Publikum bei der Lesung mit Astrid Ruppert ins »Bella Germania«. Sein Erstlingsroman erzählt nicht nur eine bewegende Familiengeschichte von den 1950ern bis heute. Er ist auch gespickt mit historischen und wissenschaftlichen Fakten, die teils nicht nur inhaltlich, sondern auch durch ihren Bezug zu aktuellen Ereignissen verblüffen. (Fotos: dar)

Der Ape – der dreirädrige italienische Kleintransporter – schaukelt ein wenig, als Daniel Speck auf der Ladefläche Platz nimmt. Der Münchner Autor ist der erste Gast der neuen Lese-Reihe »Astrid Ruppert trifft: ...«, die die heimische Autorin zusammen mit der Homberger Buchhändlerin Ulrike Sowa ins Leben gerufen hat. Rund 150 Literaturfreunde kommen an diesem Mittwoch nach Nieder-Ofleiden, um in den neuen Räumlichkeiten von Caterer Martin Jantosca Auszüge aus Specks Roman »Bella Germania« zu hören. Mit seinem Erstlingsroman hat der Münchner gleich einen Riesenhit gelandet: »Bella Germania« steht seit Dutzenden Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste und ist der erfolgreichste Debütroman 2016.

Ruppert, die moderierend durch den Abend führt, hat Speck vor sechs Jahren kennengelernt. Beim gemeinsamen Drehbuchschreiben für den Weihnachtsfilm »Zimtstern und Halbmond«. »Dabei habe ich gemerkt: Er kann nicht nur schreiben. Er ist auch noch sympathisch«, erzählt Ruppert schmunzelnd. Das Sympathische hat Speck mit Vincent gemein, dem Großvater aus seinem Bestseller-Roman »Bella Germania«. Allerdings ist diese Beschreibung nur unzureichend. Vincent, der seine ahnungslose Enkelin Julia aufsucht, um endlich Licht ins Dunkle ihrer Familiengeschichte zu bringen, wird von Speck mit feinen detailreichen Zügen derart liebevoll gezeichnet, dass man ihn gleich ins Herz schließt.

Genauso wie Julia. Und ihre Großmutter Giulietta, mit deren Schicksal das Drama der Familie seinen Lauf nimmt.

»Man könnte meinen, über unglückliche Liebe sei eigentlich schon genug geschrieben worden«, sagt Ruppert. »Aber es sind ja gerade die Dramen, die unerfüllte Liebe, die einen immer wieder packen und zutiefst bewegen.« In »Bella Germania« gehe es neben den Themen, die einem am Herzen liegen, wie Liebe und die Familie auch um Mode, Autos, Essen und die italienischen Gastarbeiter der Nachkriegszeit.

Specks deutsch-italienische Familiengeschichte nimmt ihren Anfang, als der junge deutsche Ingenieur Vincent in den 1950ern nach Italien reist, um dort für BMW die Isetta zu testen. Dieses kleine berühmte Auto, das auch als Knutschkugel bekannt ist. »Die Isetta konnte man quer in eine Parklücke stellen und stieg vorne ein – wie durch eine Kühlschranktür«, erzählt Speck und merkt an: »Die Firma Iso hat vorher Kühlschränke hergestellt.«

Als Vincent 1954 in Mailand eintrifft, stellt sich schnell heraus: Ein Dolmetscher muss her. Und dann kommt Giulietta. Das erste Zusammentreffen mit Vincent hat magische Züge, an die sich der Ingenieur auch Jahrzehnte später noch haargenau erinnert. »Wenn wir einer großen Liebe begegnen, dann werden wir für einen kurzen Moment lang der Gefangenschaft durch Raum und Zeit enthoben«, liest Speck.

Man spürt förmlich, wie sich das Gefühl dieser Begegnung von der Ladefläche des Ape aus im Saal verbreitet. Jeder Zuhörer, der selbst schon mal eine solch innige Verbindung zu einem anderen Menschen hatte, kann diese Szene wohl besonders gut nachfühlen. Eintauchen in dieses wohlige Empfinden von Vertraut- und Geborgenheit.

Aber eine bewegende Geschichte wäre nicht bewegend, wenn nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Die Sizilianerin Giulietta verzichtet schweren Herzens auf eine Zukunft mit Vincent. Und das, obwohl sie ein Kind von ihm erwartet. Das Problem? Ein anderer Mann. Giulietta ist bereits mit ihrem sizilianischen Cousin Enzo verlobt, den sie trotz ihrer Liebe zu Vincent heiratet. Ihr Sohn Vincenzo wächst als Kuckuckskind auf.

Und die gibt es auch im wahren Leben nicht selten: »Es gibt Schätzungen von Experten, denen zufolge bis zu zehn Prozent der Kinder in Deutschland Kuckucks-kinder sind«, erzählt Speck. Die Menge raunt. Im Publikum müssten demnach 15 von ihnen sitzen. Eine verblüffende Vorstellung.

Richtig ungemütlich wird’s dann im Buch. Bei der Hochzeit von Giuliettas Zwillingsbruder Giovanni, der als Gastarbeiter in Deutschland arbeitet und auf Sizilien heiratet, kommt es am späten Abend zu einem verhängnisvollen Desaster. Zuvor wird allerdings noch fürstlich gespeist.

Giovanni lässt sich nämlich nicht lumpen. Bei dem leckerem Hochzeitsmenü, das Speck vorliest, knurrt wahrscheinlich nicht nur der Redakteurin der Magen. Martin Jantosca und sein Team haben passend zur Lesung italienische Köstlichkeiten für das Publikum vorbereitet, die dem einen oder anderen einen wohligen Seufzer entlocken.

 

Figuren gehören zu Specks Familie

 

Auf der Hochzeit von Giovanni herrscht zu später Stunde eine ganz andere Stimmung. Die ist völlig im Eimer, als der 13-jährige Vincenzo seinem eifersüchtigen Vater Enzo einen Schlag ins Gesicht verpasst. Wie es weitergeht? Das bekommt Vincents Enkeltochter Julia dann von Giovanni zu hören.

Die junge Frau ist wie ihre Großmutter eine begabte Modedesignerin – und sie kann ihr Talent auch richtig ausleben. Familie? Fehlanzeige! Julia konzentriert sich einzig auf ihre Karriere. »Dabei ist Familie so wichtig«, sagt Speck. »Unbewusst beeinflusst sie uns mehr als wir glauben.« Manchmal dauere es bis in die dritte Generation, bis sich Wünsche erfüllen oder Wunden heilen. Specks Familie hat in den vergangenen Jahren auf jeden Fall einigen Zuwachs bekommen. Denn in den acht Jahren, in denen er an »Bella Germania« geschrieben hat, sind ihm seine Figuren ans Herz gewachsen.

»Ich habe mit ihnen gelebt, gelacht und gelitten. Manchmal habe ich von ihnen geträumt«, erzählt der Autor. Ob er traurig war, als der Roman fertig war? »So richtig loslassen kann ich sie nicht. Julia, Giulietta, Vincent und die anderen gehören jetzt zu meiner Familie.« Eine berührende Aussage – und wieder ein Moment Stille im Raum.

Info

Die nächste Veranstaltung

Mit der neuen Veranstaltungsreihe geht es schon Mitte Juni weiter: »Astrid Ruppert trifft: Nicole Walter«. Und zwar am 18. Juni im Café Fischer in Schweinsberg zu einer Matinee-Lesung. Bei Kaffee und Frühstück gibt es Auszüge aus Walters Roman »Das Leben drehen« zu hören. Für die Lesung mit der bekannten Schriftstellerin sind noch Karten in der Homberger Buchhandlung von Ulrike Sowa erhältlich. Lesung pur: 12 Euro, inklusive Sonntagsfrühstück: 15 Euro. Weitere Infos unter www.buchhomberg.de.

 

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