25. Mai 2017, 20:00 Uhr

Tote unter Tomaten

Haft für Senioren

Kriminelle Energie auf der einen Seite, Nachlässigkeit von Ärzten, Verbänden und Behörden auf der anderen: Ein Gericht urteilt über ein schier unglaubliches Handel und Unterlassen.
25. Mai 2017, 20:00 Uhr
In der Friedhofstraße in Grebenhain finden Polizisten im Juni 2014 die Leiche der Rentnerin. Ihre Freundin hatte sie im Garten vergraben und darüber Tomaten gepflanzt, die sie an die Nachbarn verschenkte. (Foto: Archiv)

Eine pflegebedürftige Frau aus Grebenhain war gestorben. Ihre Mitbewohnerin hatte die Leiche im Garten vergraben und das Grab mit Tomaten bepflanzt. Neun Jahre später, im Juni 2014, wurde die Leiche gefunden. Vor Gericht ging es aber nicht um den Leichenfund, sondern um Rente und Pflegegeld, das die Mitbewohnerin widerrechtlich bezogen hatte. Im April 2016 war sie wegen gewerbsmäßigen Betrugs vom Amtsgericht Alsfeld zu einer dreieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Die heute 75-Jährige legte Berufung ein und hoffte auf eine Bewährungsstrafe. Dem kam die 3. kleine Strafkammer des Landgerichts mit ihrem Urteil am Mittwoch nicht nach. Es blieb bei einer Freiheitsstrafe, wenn auch reduziert auf nunmehr zwei Jahre und neun Monate. Die Kammer folgte dem Antrag des Staatsanwalts. Am fünften Verhandlungstag war zunächst noch die ehemalige Vermieterin der 75-Jährigen gehört worden. Die Zeugin sagte aus, vom Verschwinden der Verstorbenen nichts mitbekommen zu haben. Die Zeugin erklärte aber auch, der Angeklagten für diverse Hilfeleistungen verbunden zu sein. Obwohl nicht Gegenstand des Verfahrens, waren der Tod und das Grab der Verstorbenen wiederholtes Thema gewesen. Laut Anklage war darüber zu befinden, ob die 75-Jährige durch Täuschung oder Unterlassung zur fortgesetzten Zahlung von Rente und Pflegegeld beigetragen hatte.

106 000 Euro Schadenssumme

Kammervorsitzender Richter Dr. Johannes Nink bezeichnete als dramatisch, was im Fall der pflegebedürftigen Frau alles schief gelaufen sei. Der Hausarzt hatte eine Diagnose dokumentiert und Hilfsmittel verordnet, ohne die Patientin, die zu dem Zeitpunkt möglicherweise schon nicht mehr lebte, ge- sehen zu haben. Die Pflegestation hatte Kontrollen »durchgewunken«, ohne sich um den Zustand der Patientin zu kümmern. Renten- und Krankenkasse hatten gezahlt, ohne fehlende Bescheinigungen einzufordern, so der Richter. Über die Jahre war eine Schadenssumme von rund 106 000 Euro aufgelaufen. Dickster Brocken war dabei eine Lastenausgleichsrente von rund 74 000 Euro. Die 75-Jährige hatte das Geld für ihren eigenen Lebensunterhalt ausgegeben, einiges auch verschenkt. Außerdem hatte sie Vor- sorge getroffen, um selbst würdig bestattet zu werden.

Verteidigerin Rechtsanwältin Daniela Elger hob hervor, dass ihre Mandantin gemäß aktueller, wenn auch teils widersprüchlicher Rechtsprechung nicht verpflichtet gewesen sei, den Tod ihrer Mitbewohnerin anzuzeigen. Sie stellte keinen konkreten Strafantrag, plädierte jedoch für eine Bewährungsstrafe. Staatsanwalt Matthias Rauch betonte die kriminelle Energie der Angeklagten. Sie habe ein Lügengebäude errichtet und über Jahre hinweg aufrecht erhalten, erklärte der Staatsanwalt. In diesem Sinne fiel das Urteil auch mit zwei Jahren und neun Monaten so aus, dass es nicht mehr zur Bewährung (nur Haftstrafen bis zwei Jahren) ausgesetzt werden konnte.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Matthias Rauch
  • Tomaten
  • Grebenhain
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 3 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.