26. April 2017, 19:23 Uhr

Diakonie-Mitarbeiter glauben alles

26. April 2017, 19:23 Uhr

Am Landgericht Gießen wurde am Mittwoch das Berufungsverfahren um eine 75-jährige Grebenhainerin fortgesetzt. Sie ist wegen gewerbsmäßigen Betrugs vom Amtsgericht Alsfeld verurteilt worden. Sie soll sich die Rente einer Frau erschlichen habe, deren Leiche sie im Garten vergraben hatte. Es geht um rund 135 000 Euro (die AAZ berichtete).

Eine Schwierigkeit wurde während der mehrstündigen Verhandlung deutlich. Es ist der zeitliche Abstand zu den Geschehnissen im Jahr 2005. Dementsprechend äußerten sich die geladenen Zeugen häufig so: »Ich kann mich nicht mehr erinnern« oder auch »Das ist zu lange her«. Damals, im Jahr 2005, starb die pflegebedürftige Freundin der Angeklagten im Alter von 81 Jahren eines natürlichen Todes. Mit dem Bruder zusammen vergrub die 75-Jährige die Leiche gemeinsam im Garten, pflanzte Tomaten darüber und kassierte über Jahre hinweg die Rente sowie Gelder aus der Pflegeversicherung. Möglich war dies wegen einer zuvor erteilten Kontovollmacht.

Vor ihrem Tod hatte sich die betreute Rentnerin in einem selbst verfassten Brief bitterlich beklagt, wie schlecht sie behandelt wird. So musste die pflegebedürftige Frau, die nicht laufen konnte, offenbar in einem alten Pferdestall ohne Heizung und WC dahinvegetieren. Immer wieder hatte ihre »Betreuerin« Mitarbeiter der Diakoniestation mit Ausreden abgespeist. Doch was sagt man den Mitarbeitern, die zur Visite vorbeikommen? Was berichtet man den Angestellten der Krankenkasse über den Gesundheitszustand einer bereits Verstorbenen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt und dazu wurden gleich mehrere damalige Mitarbeiter der Diakonie geladen. Da es sich um ein Berufungsverfahren handelt, wurden Aussagen der Zeugen akribisch überprüft. Ein 77-jähriger Krankenpfleger im Ruhestand und eine 61-jährige Altenpflegerin bestätigten erneut, dass man die zu pflegende Person nie angetroffen hat. Die Angeklagte habe erzählt, diese sei gerade beim Arzt oder beim Einkaufen. Ein anderes Mal soll die zu pflegende alte Dame dann in die Schweiz und sogar bis nach Spanien gereist sein. Die Protokolle der Diakonie wurden dennoch ausgefüllt. »Ich habe geglaubt, was man mir erzählte«, sagte der damalige Mitarbeiter der Diakoniestation, der Fehler beim Erstellen der Protokolle einräumte.

Auch die Pflegegelder der Krankenkasse flossen jahrelang weiter auf das Konto der Verstorbenen. Der Fall, der vor zwei Jahren für großes Aufsehen sorgte, diente den Krankenkassen als Präzedenzfall, berichtete eine Mitarbeiterin des Medizinischen Dienstes. Die 60-jährige Krankenschwester hatte die verstorbene Rentnerin zuletzt 2004 gesehen und die Pflegestufe von 1 auf 2 erhöht. Die Beurteilung der Pflegestufe könne heute nur noch mit Ausweispflicht stattfinden. Damals sei es wesentlich einfacher gewesen, ohne Nachüberprüfung eingestuft zu werden, erläuterte die Frau aus Fulda. Richter Johannes Nink sprach an dieser Stelle vom Problem einer zunehmend kommerzialisierten Pflegesituation in Deutschland.

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, berichtete die Ehefrau des bereits verstorbenen Bruders der angeklagten Grebenhainerin, auf die Frage von Richter Nink, ob ihr Mann kräftemäßig in der Lage war, eine Leiche im Garten zu verbuddeln. Ihr Mann sei hoch verschuldet gewesen, äußert sich die 62-jährige Verwaltungsangestellte. Er habe daher sicherlich beim Plan mitgewirkt, aber aufgrund seiner Krebserkrankung an der Lunge »konnte er nicht mal mehr eine Treppe hinaufgehen«. Anders äußert sich die Angeklagte selbst, die behauptet, ihr Bruder wäre die treibende Kraft bei der Umsetzung des Plans gewesen. Ziel der Grebenhainerin und ihrer Verteidigerin Daniela Elger ist es, eine Strafe unter zwei Jahren – dies sogar auf Bewährung – zu erreichen.

Dieser Tage hat auch eine Zeugin ausgesagt, die früher eine Freundin der 75-Jährigen war und die vor zwölf Jahren plötzlich verschwand, als der Tod von Elise Weidmann bekannt wurde. Die Frau reiste jetzt aus den Niederlanden an und gab Auskunft über die damaligen Hintergründe. Sie hatte für die Grebenhainerin unter anderem Büroarbeiten erledigt. Diese hatte einen vermögenden Mann geheiratet, der zahlreiche Immobilien besaß und verwaltete. Nach seinem Tod erbte sie die Firma, kam aber offenbar mit dem Leben nicht zurecht und wurde tablettensüchtig. Weil die Zeugin irgendwann keinen Lohn mehr bekam, packte sie ihre Tasche und reiste ab. Sie habe sich mehr und mehr als »Sklavin« der Anderen gefühlt.

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