21. April 2017, 16:12 Uhr

Berufungsprozess

Verzweifelter Hilferuf aus der Pflege-Hölle

Eine 75-Jährige ist wegen Betrugs von Renten- und Pflegekasse zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Sie geht in Berufung, doch die Details des Falls dürften selbst die Richter schockiert haben.
21. April 2017, 16:12 Uhr
(Foto: dpa/Symbolbild)

Die Situation der pflegebedürftigen Seniorin muss schrecklich gewesen sein: Jahrelang soll die an einen Rollstuhl gefesselte Frau in einem alten Pferdestall ohne fließendes Wasser vor sich hin vegetiert haben. Einziger Komfort: eine Campingtoilette. Auch Strom habe es nicht immer gegeben. So beschrieben Zeugen das Krankenlager von Elise Weidmann. Die Frau sei ihrer als Pflegerin wirkenden Bekannten völlig ausgeliefert gewesen. Die soll zum Dank auch noch die Rente der alten Frau verprasst haben. Sogar über deren Tod hinaus: Nachdem die Seniorin bisherigen Ermittlungen zufolge im Januar 2005 im Alter von 81 Jahren eines natürlichen Todes starb, soll die angeklagte Pflegerin den Leichnam im Garten ihres Hauses in Grebenhain vergraben haben. Erst im Juni 2014 fanden Ermittler den skelettierten Körper. Bis dahin soll die heute 75-jährige Angeklagte rund 135 000 Euro an Renten- und Pflegegeldleistungen kassiert haben. Deshalb wurde sie vom Amtsgericht Alsfeld wegen Betruges zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt (die AAZ berichtete).

In einem Berufungsverfahren vor dem Gießener Landgericht versucht die frühere Pflegerin nun, ein milderes Urteil zu erreichen. Am Donnerstag, dem zweiten Verhandlungstag, wurde allerdings ein Brief der verstorbenen Elise Weidmann thematisiert, der die Richter nicht gerade für die Angeklagte eingenommen haben dürfte: Die Ermittler hatten das Schreiben auf dem Dachboden des Hauses der 75-Jährigen entdeckt. Darin wandte sich Weidmann an den Leiter eines Pflegeheims und bat inständig um ihre dortige Aufnahme.


Nur Brot und Brei

Sie sei von ihrer Bekannten »bitterlich enttäuscht«, schrieb die Seniorin. Die Angeklagte lasse nichts reparieren, es gebe keine Elektrizität und auch kein Licht. Dass sie der Frau Geld gegeben habe, um unbezahlte Rechnungen zu begleichen, habe nichts an der Situation verbessert. Die Pflegerin »ist nur auf mein Geld aus«, prangerte sie an. Als Mahlzeiten bekomme sie nur Brei und Brot. Lediglich einmal pro Woche gebe es warmes Essen. »Bitte helfen Sie mir aus dieser Lage!«, lautete ein flehentlicher Appel zum Ende des Briefes. Doch der erreichte seinen Adressaten nie. Als habe sie dies bereits geahnt, hatte Weidmann in diesem Schreiben auch notiert, dass ihre Post von der Angeklagten kontrolliert und ihre Briefe nicht abgeschickt würden.

Die 75-jährige Grebenhainerin zeichnete sowohl vor dem Alsfelder Amtsgericht als auch vor dem Landgericht in Gießen ein anders Bild: »Ich habe mich gut um sie gekümmert.« Der jahrelange Betrug nach dem Tod Weidmanns wurde möglich, weil die Seniorin der Angeklagten schon zu Lebzeiten eine Kontovollmacht erteilt hatte. Ein Mitarbeiter der Diakoniestation, der die Pflegebedürftige eigentlich regelmäßig hätte aufsuchen sollen, hatte sich offenbar mit Ausreden begnügt und vertrösten lassen. Eine Kriminalbeamtin schilderte, dass die Angeklagte mit dem ergaunerten Geld unter anderem eine Weiterbildung ihrer Tochter zur Fremdsprachenkorrespondentin finanziert habe. Der Prozess wird fortgesetzt.

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