26. Juli 2018, 21:50 Uhr

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Fast jeder kennt die radelnde Sonnenblumenfrau. Blonde Locken, bunte Kleidung, ein üppig dekoriertes Velo, ein Hündchen im Lenkradkorb. Gudrun Schöpe gehört zu Gießen wie Schlammbeiser und Schwätzer. Eine kleine Annäherung an eine strahlende Erscheinung.
26. Juli 2018, 21:50 Uhr

Der Sommer passt in eine Zweizimmerwohnung. Sonnenblumen, Sonnenblumen, Sonnenblumen. Heitere, warme Farben. Und die Bewohnerin sieht mit ihrer weißen, blütenübersäten Jeans ein bisschen aus wie der Sommer höchstpersönlich – so als stünde sie inmitten einer bunten Wiese. Der unbeschwerte Eindruck trügt keineswegs. Gudrun Schöpe ist ein fröhlicher Mensch mit einem strahlenden Lächeln. »Ich möchte die kostbare Zeit, die ich auf Erden bin, in Frieden und in Liebe leben.« Klingt nach Hippie-Philosophie. Ist es auch. Und nach christlicher Nächstenliebe. Stimmt ebenfalls. Und nach buddhistischer Heilslehre. Auch das trifft zu. Die 65-Jährige verehrt den Dalai Lama und war mehrfach zu Gebeten und Meditation in Indien. Letztlich, so ihre Überzeugung, geht alles auf denselben Sinn und Ursprung zurück: Das Streben nach einem Leben in Liebe, Frieden, Mitgefühl und Achtsamkeit.

Esoterisch abgehoben ist Schöpe nicht. Sie ist ein original »Gießener Mädchen« und ebenso bodenständig wie zupackend. Sie engagiert sich ehrenamtlich in einem Altenpflegeheim, in der Kirchengemeinde und bei der Aids-Hilfe. Außerdem liebt sie die Gemeinschaft ihrer Fünfzigerinnen und ist gerne in der Natur unterwegs. Mal mit dem Rad, mal zu Fuß und immer mit Hündin Luna. Zweimal ist sie den Jakobsweg gelaufen, eine dritte Pilgerwanderung ist geplant.

Für ihr auffälliges Sonnenblumen-Outfit gibt es einen ganz einfachen Grund: Es macht ihr Spaß, es ist Ausdruck ihrer Lebensfreude. Und ihrer Dankbarkeit. Denn nach einer Nahtoderfahrung vor einigen Jahren weiß sie die Kostbarkeit unserer begrenzten Zeit auf Erden erst recht zu schätzen. Schöpe, die bereits mehrere lebensbedrohliche Krankheiten überstanden hat, fiel bei einer Operation ins Koma, sie war klinisch tot. »Ich sah dieses helle Licht, das es in der Realität nicht gibt, ich sah mein Leben, meine Kinder.« Diese Erfahrung war prägend. Bunt, wild und ein bisschen chaotisch war ihr Leben schon immer, doch nach diesem Erlebnis beschloss sie erst recht, Liebe und Freude in den Mittelpunkt ihres Lebens zu rücken. »Viele Menschen machen es sich und anderen so schwer, das ist schade um die Zeit.«

Die 65-Jährige ist am Bergwerkswald aufgewachsen, nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Arzthelferin. Später war sie viele Jahre als Laborangestellte in der Universität beschäftigt. Mit 20 hat sie geheiratet, die Ehe hielt jedoch nicht lange, auch eine spätere Beziehung ging auseinander. Die beiden Töchter hat sie alleine großgezogen. Mit beiden ist sie sehr innig verbunden. Unabhängig werden lassen, Neugierde, Abenteuerlust und Offenheit mitgeben, das hat offenbar gut funktioniert. »Wurzeln geben und Flügel verleihen«, sagt sie. Heute lerne sie viel von ihren Töchtern. »Das macht mich sehr glücklich.«

Kürzlich war Schöpe mit einer Freundin in Frankreich. Wandern, zelten, die Natur genießen. Eine solche Art des Reisens ist beschwerlich. Was, wenn das im Alter mal nicht mehr so geht? »Dann ist das eben so.« Was soll sie jetzt darüber grübeln? Sie lebe im Hier und Jetzt und hadere weder mit dem Alter noch mit der Endlichkeit des Seins. Die »Sonnenblumenfrau« macht sich auch keine Gedanken darüber, wie ihre auffällige Erscheinung auf andere wirkt. Sie will weder Erwartungen wecken noch erfüllen. Vielleicht halten Passanten sie für ein bisschen verrückt. Vielleicht finden sie es albern, sich so zu schmücken. Egal. Sie freut sich, wenn sie jemandem mit ihrer leuchtenden Fröhlichkeit ein Lächeln ins Gesicht zaubert – warum auch immer. Dass es auch in ihrem Alltag Momente gibt, an denen sie am Unglück dieser Welt verzweifelt, versteht sich von selbst. Kein Mensch kann immer nur zuversichtlich sein. »Aber man muss Dinge hinnehmen, die man nicht ändern kann.« Was in Schöpes Leben wirklich wichtig ist, trägt sie immer mit sich. Ein großes Tattoo ziert ihr Dekollete. Es zeigt – natürlich – Sonnenblumen. Und zwei Schmetterlinge. Für jede Tochter einen.

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