Hunde

Zum Beschützen geboren

Einen Kangal »gesellschaftsfähig« zu machen, ist schwer. Das bei fünf dieser imposanten Herdenschutzhunde zu schaffen, erst recht. Das Tierheim startet mit echten Herausforderungen ins Jahr.
13. Januar 2018, 14:00 Uhr
Gut bewacht: Tierpflegerin Nora Grandke mit drei imposanten Kangals. (Foto: Schepp)

Der gehört mir! Sobald der Futternapf vor Deli stand, signaliserte der junge Rüde, dass er sein Futter nicht teilen wollte. Er knurrte und zog die Lefzen hoch. Das hatte sich die Familie ganz anders vorgestellt, als sie sich über E-Bay-Kleinanzeigen einen Hund anschaffte. Ein Kangal sollte es sein, den kannten sie aus ihrer türkischen Heimat. Dort werden die schönen Hunde mit der dunklen Gesichtsmaske im Bergland oder in der Steppe gehalten, um die Schafherden zu beschützen – vor Wölfen oder Bären.

Das können sie ausgezeichnet: Sie sind groß, mutig und handeln selbstständig. Da sie inmitten der Herde leben und keinen engen Kontakt zu den Schäfern haben, handeln und entscheiden sie eigenständig. Das ist in Anatolien hilfreich, im dicht besiedelten Hessen aber keineswegs – und in einer städtischen Etagenwohnung schon gar nicht.

Groß, mutig und selbstständig

Der Familie, die keinerlei Erfahrung mit Hunden hatte, wurde der Vierbeiner unheimlich. Sie brachte Deli ins Tierheim. Mittlerweile ist der Rüde acht Monate alt und ein pubertierender Jungspund. Wenn er richtig erwachsen ist – was bei Herdenschutzhunden bis zum dritten Lebensjahr dauert – wird er bis zu 70 Kilogramm auf die Waage bringen. Da im Tierheim erfahrene Hundebegleiter mit ihm arbeiten, stehen die Chancen gut, dass er das Einmaleins des guten Umgangstons noch lernt, versichert Tierpflegerin Nora Grandke. Doch sein genetisches Programm kann er nicht ablegen – er wird niemals ein angepasster Familienhund sein, der mit allen und jedem kompatibel ist.

Ein Fahrrad kann man auf Ebay kaufen. Ein Tier auf keinen Fall

Astrid Paparone, Tierschützerin

»Streng genommen gehören Herdenschutzhunde nicht hierhin«, sagt Astrid Paparone, Vorsitzende des Tierschutzvereins und Hundetrainerin. Dennoch ist sie zuversichtlich, dass Deli vermittelt werden kann, auch wenn es länger dauert. In Frage kommen Liebhaber dieser Rasse, die viel Erfahrung und zudem Führungsqualitäten mitbringen. Die Hunde brauchen klare Ansagen, aber keinen Druck. »Wenn die sich wehren, kann das böse enden«.

Wer einen Herdenschutzhund hält, muss wissen, dass dieser dazu neigt, sein Territorium gut zu bewachen. Postboten oder überraschender Besuch sind nicht immer willkommen. Dieses Verhalten ist nicht »böse«, sondern Veranlagung, man kann es nicht abstellen, aber steuern

Sachkundenachweis erforderlich

Der Kangal ist in Hessen und einigen anderen Bundesländern ein »Listenhund«. Das heißt, er gilt als potenziell gefährlich. Deshalb müssen die künftigen Besitzer einen Sachkundenachweis erbringen und den Hund einem Sachverständigen zum Wesenstest vorstellen. Das ist aufwendig, teuer und schränkt den Kreis der möglichen Interessenten deutlich ein.

Außer Deli gibt es derzeit noch drei weitere Kangals und einen Kuvasz-Mischling im Tierheim. Nicht alle sind gleich schwierig (die Bandbreite der Charaktere ist auch bei Herdenschutzhunden groß), aber alle sind wesenstestpflichtig. Manche Tierheim nehmen diese Hunde aufgrund dieser schwierigen Ausgangslage gar nicht auf. »Aber damit ist ja auch niemandem geholfen«, sagt Paparone.

Da die Dauergäste hohe Kosten verursachen, wäre es ideal, wenn Tierfreunde eine Patenschaft über die »Sorgenhunde« übernehmen würden. Nicht alle Herdenschutzhunde wurden wegen Überforderung abgegeben. Der Kangal Dschingis beispielsweise ist ein sanfter Riese, der ausgesetzt wurde – vermutlich weil er wegen einer anstehenden Operation (die mittlerweile erfolgt ist) zu teuer geworden wäre

Die Familie, die sich den süßen Welpen Deli im Internet ausgesucht hat, hat die Reißleine gezogen, bevor etwas schief gegangen ist. Noch besser wäre es gewesen, sie hätte sich vor dem Kauf richtig informiert. E-Bay ist dafür keine gute Idee. Paparone: »Wir haben es ja nicht mit einem Fahrrad zu tun, das den Besitzer wechselt«.

Zusatzinfo

Herdenschutzhunde

Herdenschutzhunde sind nicht mit Hütehunden zu verwechseln. Während z.B. Border Collie und Australien Shepard dazu da sind, die Herde beieinander zu halten, werden Herdenschutzhunde eingesetzt, um die Schafe vor Beutegreifern zu schützen. Sie sind von den Hirten weitgehend unabhängig und unbeobachtet. Dies setzt einen selbstbewussten Hund voraus, der zu eigenständiger Arbeit fähig ist. Zu den bekannten Rassen zählen Kangal Kuvasz, Qwtscharka und Pyrenäenberghund.

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