18. August 2018, 14:00 Uhr

Gastronomie

Wie geht es weiter mit der Ruine des »Aura« am Lahnufer Gießen?

Mehr als eineinhalb Jahre nach dem Brand im »Aura« steht am Lahnufer weiter eine Ruine. Der Stadt droht dort ein Schandfleck. Der ehemalige Pächter streitet mit seiner Vermieterin, der DLRG.
18. August 2018, 14:00 Uhr

Dimitri Skartsanis schläft kaum noch, seine Augen sind müde, er hat etliche Kilos verloren. Seit der Gastronom vor einigen Wochen von seinem Verpächter, der DLRG Kreisgruppe Gießen, die Kündigung für das Restaurant Aura erhalten hat, versteht er die Welt nicht mehr. Als er vor den Trümmern des DLRG-Vereinsheims am Lahnufer steht, kommen ihm die Tränen. Im Januar 2017 ist an dieser Stelle auch sein Restaurant in Flammen aufgegangen. »Wir haben hier sehr viel Blut und Schweiß gelassen. Das Aura war unser Leben«, sagt Skartsanis. Bislang hat er gehofft, den Betrieb an der Lahn wieder aufbauen zu dürfen. Nun fürchtet er, dass er das Restaurant endgültig verliert.

Im September 2014 hat Skartsanis das damalige Rhodos von seinem Onkel Evangelos Goras übernommen und mit der DLRG einen Mietvertrag bis 2031 abgeschlossen. »Der Laden war tot. Am ersten Sonntag hatten wir zwei Gäste«, sagt Skartsanis. Nach dem Tod des Onkels im Januar 2015 schloss er für ein paar Tage und erschuf mit 20 000 Euro vom Sparbuch, viel Herzblut und der Hilfe vieler Freunde das Aura.

 
Fotostrecke: Rückblick: Der Brand im Aura

Es ging bergauf. Skartsanis konnte die Umsätze steigern. Er schmiss das Studium und ordnete dem Restaurant alles unter. »Ich habe jeden einzelnen Euro wieder in den Laden gesteckt. Wenn ich 100 Euro übrig hatte, habe ich Stühle gekauft, wenn ich 150 Euro hatte, einen Tisch. Ich habe nichts für mich behalten«, sagt der 35-Jährige. Insgesamt seien es 500 000 Euro gewesen, die er in das Gebäude gesteckt habe. »Allein 150 000 in den Wintergarten. Da kommt was zusammen«, sagt Skartsanis. Nach dem Feuer ist die Versicherung zum Teil eingesprungen. Der Verlust schmerzt trotzdem. Dass er bloß Pächter war, sei ihm damals egal gewesen. »Ich dachte, ich bleibe ewig. Die Pacht war mit 2000 Euro nicht hoch. Mir ging es gut, da sollte es dem Verein auch gut gehen.« DLRG-Vorsitzender Alexander Sack sagt: »Wir haben die Pacht gering gehalten, damit er investieren kann.«

Die Kündigung traf Skartsanis wie ein Blitz. »Ich kann es nicht nachvollziehen. Es ist unmenschlich. Im März war noch alles ok. Ich hätte sogar mehr Pacht gezahlt «, betont er. Sack sagt: »Die Kündigung wurde aus mehreren Gründen getätigt, der Hauptgrund ist, dass die Mietsache nicht mehr vorhanden ist«. Weitere will er nicht nennen. Er wirbt jedoch um Verständnis: »Der Vorstand muss das Wohl des Vereins und seiner über 500 Mitglieder im Blick haben und nicht das eines Geschäftsmannes.« Ein neuer Pächter für die auch im neuen Vereinsheim geplante Gastronomie sei gefunden. Namen will Sack nicht verraten, solange das »bisherige Mietverhältnis ungeklärt« ist. Es soll sich um Giorgios Svolos handeln, Betreiber des Restaurants Irodion.

Skartsanis und die DLRG werden sich am 16. November vor Gericht treffen. Die DLRG hat Klage eingereicht, um zu klären, ob die Kündigung rechtskräftig ist. »Der Grund des Mietvertrages ist hinfällig«, sagt Sack. Skartsanis’ Anwalt Matej Kvas ist anderer Auffassung. »Das Gebäude ist zu einem großen Teil erhalten«, meint der Jurist. Daher habe der Mietvertrag Gültigkeit. Zudem habe die DLRG Skartsanis nach dem Brand zugesagt, dass man mit ihm plane. Der Wirt pocht fest entschlossen auf den Kontrakt. Es läuft auf eine längere Auseinandersetzung hinaus, in der es nicht nur um die Gültigkeit des Vertrags geht. Zudem klage die DLRG zwei Monatsmieten für Januar und Februar 2017 ein, sagt Kvas. Ob Skartsanis zudem auf Schadensersatz für seine Investitionen klagt, ist offen. Dass sich der Streit auf den Baubeginn am Lahnufer auswirkt, bestreitet Sack: »Der Wiederaufbau geht unabhängig davon weiter.« Sollte Skartsanis gewinnen, habe er Anrecht auf einen Mietvertrag, aber nicht auf die alten Konditionen, sagt Sack.

Auch für die DLRG und deren Mitglieder ist der Verlust des alten Vereinsheims, das sie zum Teil mehr als zwei Jahre lang am Wochenende mit eigenen Händen aufgebaut hatten, schmerzhaft. Manche hätten ein Stück Kindheit verloren, betont der Vorsitzende. Der Verlust erfordere hohen organisatorischen Aufwand, der Wiederaufbau stelle den Verein vor Herausforderungen. Aufseiten der DLRG sind viele Tränen geflossen.

Auch Skartsanis kämpft mit ihnen, wenn er über die Lahnbrücke fährt. Er vermutet, dass die DLRG ihn loswerden möchte, weil man in ihm den Schuldigen für den Brand des Vereinsheims sieht. »Es muss erst geklärt werden, ob der Handwerker schuld hat. Und selbst wenn, ist die Frage, was ich dafür kann«, sagt er. Der Gastronom macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Kündigung tief verletzt hat. »Wenn ich auf Menschen zugehe, ist mein Motto »ekso kardia« – Herz zuerst«, sagt Skartsanis. Heute denkt er anders darüber.

Zusatzinfo

Wer hat Schuld am Brand?

Im September ist der Aura-Brand zum ersten Mal Thema vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den von Skartsanis beauftragten Handwerker erhoben. Der Vorwurf: Fahrlässige Brandstiftung. Einen Tag vor dem Brand soll der Gießener im Küchenbereich Reparaturen durchgeführt haben. Bei Schweißarbeiten könnte es zu Funkenschlag gekommen sein, daraus habe sich ein Schwelbrand entwickelt, glauben die Ermittler. Einen Tag später brach das Großfeuer aus. Der damals entstandene Schaden wurde auf rund 1,4 Millionen Euro geschätzt. »Dieser Prozess spielt für die Mietangelegenheit nur eine untergeordnete Rolle«, sagt DLRG-Vorsitzender Sack. »Gutachter der Versicherung und der Staatsanwaltschaft sehen den Grund des Brandes aber im Handeln des Handwerkers, der durch Dimitri Skartsanis beauftragt wurde«. Ob das so ist, werde der Prozess zeigen.

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