Manche Sätze bleiben, obwohl sie scheinbar dafür gemacht sind, möglichst schnell wieder zu verschwinden. Zum Beispiel dieser: »Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.« Gesagt hat ihn Rudi Dutschke, der bekannteste Kopf des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), 1967. Interpretiert hat ihn Dr. Wolfgang Kraushaar am Mittwochabend in der Uni-Aula in seinem Vortrag »Natürlich kann geschossen werden oder: Wie pazifistisch war die Revolte?«, dem dritten Teil der Ludwig-Börne-Vorlesungen des JLU-Präsidenten zum Thema »68. Eine Revision«.

Die Kernaussage des sogenannten Organisationsreferats, gehalten auf einer SDS-Delegiertenkonferenz, diente ihm als eindrucksvolles Beispiel für die Verbindung von Studentenbewegung und Gewalt. Indem Dutschke zur Bildung einer »Stadtguerilla« aufrief, also einer metropolitanen Variante des bewaffneten Kampfes nach Vorbild der Guerilla in Ländern der Dritten Welt, habe er klar Position bezogen. »Für ihn gab es zum damaligen Zeitpunkt keine Gewaltfrage mehr«, sagte Kraushaar.

Beginnend mit dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg im Juni 1967 und dem Attentat auf Dutschke im April 1968 beleuchtete der 69-Jährige, den Prof. Claus Leggewie als ehemaliges Mitglied der »Frankfurter Spontiszene« vorgestellt hatte, den Weg »kleiner Zirkel« in die Gewalt. »Beide Bluttaten waren Fanale mit weitreichenden Folgen«, erklärte er und warnte sogleich davor, »die ganze 68er-Bewegung unter Generalverdacht zu stellen«. Für eine Minderheit fügten sich die Ereignisse aber in die stufenweise Entgrenzung: »Es war, als hätte jemand an einer unsichtbaren Schraube gedreht.«

Gewalt bald auch gegen Menschen

Unter den zeitgenössischen Einflüssen hob Kraushaar einen Text Herbert Marcuses hervor. In dem Essay »Repressive Toleranz« hatte der Philosoph 1965 ein »Naturrecht auf Widerstand« für unterdrückte Minderheiten proklamiert. Einige Gewalttäter machten sich dieses Konzept wenig später zu eigen. »Tatsächlich ist der Begriff des Widerstands viel zu komplex, um derart leichtfertig damit zu hantieren«, so Kraushaar. Ironie der Geschichte: Im Grundgesetz steht das Widerstandsrecht ausgerechnet seit 1968 – »aber mit rein defensiver Natur, als letztes Mittel zur Rettung der Verfassungsordnung«.

Die gewaltbereiten Strömungen der Studentenbewegung definierten ihre Prinzipien weniger eindeutig. So sei die Trennung zwischen grundsätzlich legitimer »Gewalt gegen Sachen« und eigentlich illegitimer »Gewalt gegen Personen« bald hinfällig geworden. Schon die Rede vom »Widerstand« habe ja eine »doppelte Grenzüberschreitung« bedeutet – im Handeln und in dessen Rechtfertigung. Die Realität ließ jenen Unterschied dann vollends verschwimmen. Denn vor, hinter oder neben Sachen standen oft Personen – und, so Kraushaar, »Menschen zu verletzen oder zu töten gehörte aus dieser Sicht eben zum Berufsrisiko eines Revolutionärs«.

Welchen Irrweg mancher vermeintliche Pazifist einschlug, zeigten in dem Vortrag etliche Beispiele, von den Kaufhaus-Brandstiftungen im April 1968 über die als »Schlacht am Tegeler Weg« bekannt gewordene blutige Demonstration sieben Monate später bis zu einem geplanten Bombenattentat auf den US-Präsidenten Richard Nixon 1969.

Dass er selbst seit Jahrzehnten die Geschichte von »68« forscht, begründete Kraushaar, der von 1968 an Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik in Frankfurt studiert hatte, so: »Ich verspüre immer noch eine gewisse Mitverantwortung für das, was damals passiert ist.«

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