Mordversuch vor Gericht

Whiskey, Koks und Messerstiche

In der Discothek Nightlife im Schiffenberger Weg kam es 2016 zu einer Messerattacke. Zwei Männer wurden schwer verletzt. Zwei Angeklagte müssen sich nun vor Gericht verantworten.
13. Juni 2018, 06:00 Uhr
Am 27. November 2016 kommt es vor dem damaligen Nightlife zu einer Messerattacke. Heute heißt der Laden »Frau Trude«. (Foto: Schepp)

Drei Schläge prasseln auf seinen Rücken ein. Ein vierter trifft den Hals. Das denkt Christian S. zumindest. Doch plötzlich bleibt ihm die Luft weg. Und sein Rücken wird warm. Als er seine Hand nach hinten legt, ertastet er Flüssigkeit. Es ist Blut. Der 35-Jährige wurde nicht mit Fäusten, sondern mit einem Messer malträtiert. Wenig später kollabiert seine Lunge. Christian S. wird noch in der Nacht notoperiert.

Was in der Nacht auf den 27. November 2016 vor der Discothek »Nightlife« im Schiffenberger Tal passiert ist, hat in der Stadt für Aufregung gesorgt. Bei einer Messerstecherei wurden zwei Personen verletzt, eine davon lebensgefährlich. Seit dieser Woche müssen sich zwei junge Männer vor dem Gießener Landgericht verantworten. Nico A. ist wegen versuchten Mordes angeklagt, der 23-jährige Gießener soll das Messer in Christian S. sowie einen weiteren Kontrahenten gerammt haben. Sein Mitangeklagter Max P., der sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss, soll Schläge und Kopfnüsse verteilt haben.

Viele Widersprüche

Die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze, Staatsanwalt Klaus Bender und die Anwälte hatten eine schweißtreibende Sitzung zu überstehen. Nicht nur wegen der defekten Klimaanlage und der siebenstündigen Verhandlungszeit, sondern auch wegen der vielen Widersprüche, der unzähligen Gegenfragen der Nebenkläger sowie einer möglichen Absprache der Zeugen. Vor allem aber die unterschiedlichen Varianten zum Tathergang sorgten für eine komplizierte Verhandlung.

Nico A., der derzeit in U-Haft sitzt, gab an, zusammen mit Max P. auf einer Party gewesen zu sein. Später sei man dann ins Nightlife gefahren und habe weiterfeiern wollen. »Ich habe schon früh sehr viel getrunken, ich kann mich daher nur noch lückenhaft erinnern«, sagte der 23-Jährige. Als er dann den Laden verlassen habe, sei ihm sein Bekannter Waldemar B. aufgefallen, der sich vor der Tür übergeben habe. Der 28-jährige Max P. habe dem Mann dann einen Spruch an den Kopf geworfen. Danach sei die Situation eskaliert.

Wie ich dann das Messer gezückt habe und wen ich getroffen habe, weiß ich nicht mehr genau

Nico A.

Max P. erklärte, von Waldemar B. und seinen Freunden niedergeschlagen worden zu sein, anschließend hätten sie ihn mit Tritten gegen den Kopf malträtiert. »Ich hatte Todesangst.« Dann habe das »Trittegewitter« plötzlich aufgehört. »Wie ich das Messer gezückt habe und wen ich getroffen habe, weiß ich nicht mehr genau«, sagte Nico A. Erst als er in ein schmerzverzerrtes Gesicht geblickt habe, habe er seine Tat realisiert. Es war das Gesicht von Christian S., der vier Stiche abbekam. Auch Waldemar B. wurde vom Messer getroffen. Beide treten im Prozess als Nebenkläger auf.

 

Die Angeklagten eint ein schwieriger Lebenslauf. Wegen seines Cannabiskonsums landet Nico A. als 14-Jähriger im Heim, Max P. wird wegen Alkohol- und Drogeneskapaden von zwei Internaten geschmissen. Auch in der Tatnacht habe er Whiskey und Kokain zu sich genommen, teilte der 28-Jährige dem Gericht mit. Inzwischen sei er clean.

Prozessausgang ist ungewiss

Der Ausgang des Prozesses, der am kommenden Montag fortgesetzt wird, scheint ungewiss. Denn die Opfer und deren Freunde schildern einen völlig anderen Verlauf der Tatnacht. Demnach hätte Max P. nach einem Wortgefecht Waldemar B. mit einem Schlag niedergestreckt und anschließend einem herbeigeeilten Freund mit einer Kopfnuss zu Boden befördert. Dann hätte Nico A. mit dem Messer zugestochen. Sie selbst, sagten die Opfer, hätten nicht zugeschlagen.

Doch stimmt das? Nicht nur die Anwälte der Angeklagten, sondern auch der Staatsanwaltschaft schienen Zweifel zu haben. Nicht zuletzt, weil Waldemar P. in Sachen Körperverletzung kein unbeschriebenes Blatt ist. In einer ersten polizeilichen Vernehmung direkt nach der Tat hatte ein Bekannter gesagt, P. könnte unter Alkoholeinfluss zum »Pitbull« werden und sich wie »King Kong« aufführen. Sind die Angeklagten Täter oder Opfer? Hat Nico A. aus Heimtücke zugestochen, oder aus Notwehr, um den Freund zu retten? Dem Gericht stehen intensive Verhandlungstage bevor.

Zusatzinfo

Vom Alpenmax zu Frau Trude

Vielen Gießenern dürfte das Nightlife als Alpenmax bekannt sein. Unter diesem Namen war der Tanzschuppen 2001 eröffnet worden. 2016 folge dann ein Umbau samt Umbenennung in Nightlife. Als nach der im Gerichtsprozess behandelten Messerattacke wenige Monate später eine weitere folgte, stellten die Betreiber einen Metalldetektor am Eingang auf. Wegen rückläufiger Besucherzahlen gaben sie den Club im Sommer 2017 auf. Ein neuer Besitzer übernahm. Nach einem Intermezzo als »Masquerade« heißt der Club heute »Frau Trude«.

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