25. Dezember 2017, 09:00 Uhr

Traumberuf Hebamme

Wenn die Welt still steht

Sie hat rund 4000 Babys auf diese Welt geholt. Kürzlich ist die Hebamme Siegrun Müller-Bockisch nach 35 Jahren in den Ruhestand gegangen. Sie weiß: Bei aller Routine ist eines gleich geblieben.
25. Dezember 2017, 09:00 Uhr
Für Siegrun Müller Bockisch – hier mit einem Säuglings-Modell – war Hebamme immer ihr Traumberuf. (Foto: Schepp)

An die Pinnwand passen die Geburts- und Dankeskarten schon lange nicht mehr; die Stapel im Regal darunter sind beachtlich hoch. Siegrun Müller-Bockisch ist seit 1982 selbstständig tätig und war Beleg-Hebamme am St. Josefskrankenhaus. All die Lisas und Leonies, die Carstens und Christophs.

An die meisten Geburten kann sich die 61-Jährige noch gut erinnern. »Nicht unbedingt an die Namen, aber Zeit und Umstände habe ich meist vor Augen«. Obwohl. Einen Moment zögert sie. In den letzten Jahren hat sich etwas verändert.

Informierter und viel unsicherer

Es gibt weniger Nähe und mehr Dienstleistung, fasst sie zusammen. Früher war die Beziehung zwischen Hebammen und Müttern oft enger als heute. Müller-Bockisch erlebt die werdenden Mütter jetzt anders – sie sind viel informierter und doch viel unsicherer. Sie setzen auf die moderne Medizin und Technik und vertrauen dem eigenen Körper nicht mehr so recht. »Früher waren die Frauen guter Hoffnung, dieser Ausdruck passt oft gar nicht mehr«, sagt sie.

Die Schwangerschaft werde zwar wie ein Event zelebriert und geplant, aber der Geburt werde nicht wie einem natürlichen Ereignis entgegen gesehen. Viele möchten die Verantwortung lieber an Fachleute abgeben. Auch die oft geäußerte Bitte nach einer schmerzfreien Geburt mittels Periduralanästhesie und der Wunsch nach einem Kaiserschnitt unterstreiche diese Entwicklung. Gegen beides sei natürlich in schwierigen Situationen nichts einzuwenden, selbstverständlich sei es ein Segen, dass bei Komplikationen auf zahlreiche medizinische Möglichkeiten zurückgegriffen werden könne. Bei einer normalen Geburt sei die Medizin jedoch überflüssig.

Es hat sich ein trügerischer Machbarkeitswahn entwickelt

Siegrun Müller-Bockisch

Dass viele werdende Eltern dennoch den vermeintlich »leichten Weg« wählten, bedauert sie. Denn sie hat in all den Jahren immer wieder erlebt, was für ein großartiges Erlebnis die natürliche Geburt sein kann. Wenn die Frau die Wehen durchlebt, bis zur Geburt gekämpft hat und schließlich das kleine Wesen auf den Bauch gelegt bekommt, dann »ist das ein unvergleichlich inniger Moment, der die Mütter mit ungeheurer Kraft, mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt«. Es sei schade, ohne zwingenden Grund darauf zu verzichten. »Wenn das Kind da ist, ist aller Schmerz ohnehin sofort vergessen«, weiß sie.

Auch für die Väter sei die Geburt ein emotionaler Ausnahmezustand. Anfang der 80er Jahre wurde es modern, dass Väter die Geburt ihrer Kinder miterlebten. »In OP-Kittel und mit Mundschutz«, erinnert sich die Hebamme und lacht. Wie bei einem Notfall! Dass Männer ihre Frauen begleiten, ist nun schon lange üblich. Eine Stütze sind sie aber nicht immer. »Manchmal sind sie so außer sich vor Angst und Sorge, dass sie die Frauen noch mehr verunsichern. Dann ist es besser, wenn eine gute Freundin dabei ist«.

Die kritischen Beobachtungen der Hebamme spiegeln einen gesellschaftlichen Wandel wider – der vom Gesundheitssystem kräftig unterstützt wird. In den konkurrierenden Krankenhäusern sind Geburten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Je mehr den Eltern geboten wird, desto größer ist die Chance, dass sie sich für dieses Haus entscheiden. Und je umfangreicher das technische und professionelle Know-how ist, desto größer wird die Entfremdung.

Geburten bringen Kliniken Geld

Mit Sorge sieht Müller-Bockisch auch, dass den Paaren suggeriert werde, durch die umfassende Vorsorge und Risikominimierung bekomme man die Garantie für eine einfache Geburt und ein gesundes Kind. »Das ist ein trügerischer Machbarkeitswahn«.

Natürlich hat sie auch oft miterlebt, wie dramatisch und traurig es ist, wenn das ersehnte Kind nicht gesund ist. Was hilft in solchen Situationen? »Offenheit und Empathie«, sagt die Hebamme. Diese Eigenschaften gehören neben viel Geduld zu den wichtigsten Eigenschaften einer Geburtshelferin. Die Hebammen werden Zeuginnen von unfassbarem Glück, aber ebenso von Leid und schlimmen Schicksalen. Häufig haben sie es auch mit verlassenen, im Stich gelassenen oder missbrauchten Frauen zu tun.

Hebamme ist Müller-Bockischs Traumberuf - keine Frage. Aber er erfordert viel Kraft. Kraft, die sie nicht mehr in dem Maße hat wie früher. Deshalb hat sie sich für den Ruhestand entschieden – mit einem Hintertürchen für die nächste Zeit, in der sie noch einige Hausbesuche macht. Die Stapel unter der Pinnwand werden also noch etwas wachsen.

Zusatzinfo

Geburten in Gießen

Wie viele Kinder in diesem Jahr in Gießen geboren wurden, werden wir erst in einigen Tagen wissen. 2016 waren es 829 Babys, ein Jahr zuvor 729. In den letzten zehn Jahren stiegen die Geburtenzahlen von Jahr zu Jahr leicht an.

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