21. Juni 2018, 16:13 Uhr

Jugendamt

Wenn das Jugendamt das Kind »wegnimmt«, hilft diese Einrichtung aus Gießen

Eine besondere Einrichtung in Gießen unterstützt Eltern, denen das Jugendamt die Kinder »weggenommen« hat. Verantwortliche und betroffene Eltern berichten.
21. Juni 2018, 16:13 Uhr

Aus der Redaktion , 1 Kommentar
(Foto: dpa)

Sie sind wütend, hilflos, manche schämen sich: Wenn das Jugendamt ihnen ihre Kinder »wegnimmt«, reagieren Eltern sehr emotional. In Gießen gelingt es vielen von ihnen im Lauf der nächsten Wochen, die Gründe und möglichen Auswege ruhiger zu betrachten. Zu verdanken ist das dem »Beratungsangebot für Herkunftsfamilien«, das die Aktion Perspektiven im Auftrag der Jugendämter von Stadt und Kreis vor dreieinhalb Jahren gestartet hat. Die Erfolge seien beachtlich, die Zusammenarbeit positiv, sagten Vertreterinnen des Vereins und der Jugendämter bei einem Pressegespräch.

»Das Jugendamt ist der Feind« – so empfänden betroffene Eltern die Behörde, wissen Birgit Schlathölter, Abteilungsleiterin im Jugendamt der Stadt, und Iris Manthey, stellvertretende Leiterin des Kreisjugendamts. Daher hätten Stadt und Kreis nach sorgfältiger Vorarbeit einen freien Träger beauftragt, als »Übersetzer« und »Brücke« zwischen Eltern, Kind, Behörden und gegebenenfalls dem Familiengericht zu wirken.

Eine Mehrzahl der Inobhutnahmen endet mit der »Rückführung« des Kindes – wenn sein Schutz als gewährleistet gilt. Und auch wenn es dauerhaft im Heim oder in einer Pflegefamilie bleibt, ist der Kontakt zur Herkunftsfamilie wichtig.

Hinter einer Inobhutnahme kann Überforderung der Eltern stehen, Gewalt, Drogenkonsum oder psychische Krankheiten. Häufig ging eine jahrelange Vorgeschichte voraus. Dennoch oder gerade deshalb seien viele Familien »überrumpelt«, wenn ihre Kinder woanders untergebracht werden, weil die Behördenmitarbeiter deren Wohl gefährdet sehen. »Häufig hören wir den Satz: Bei der Nachbarin ist es noch viel schlimmer, aber die darf ihre Kinder behalten«, erzählt Friederike Henn, pädagogische Leiterin der Aktion Perspektiven.

 

Gefühle sortieren, Hilfe suchen

Sie schildert gemeinsam mit der Mitarbeiterin Anke Stojanek-Ziegler eindrucksvoll, wie es den Müttern und Vätern häufig gelingt, aus Zorn und Trauer heraus in eine konstruktive Haltung zu finden. »Wir sagen ihnen als erstes: Wir sind nicht das Jugendamt, und wir haben Schweigepflicht.« Zunächst erzählen die aufgewühlten Eltern ihre Geschichte aus ihrer Sicht. Dann »sortieren« sie ihre Gefühle und richten ihren Blick darauf, wie es weitergehen kann.

Beispielsweise befassen sich die Eltern mit ihrer eigenen Biografie, mit den Gründen für die Inobhutnahme oder mit Themen wie Besuche, Abschiedssituationen oder Alltagsgestaltung ohne das Kind. Neben Einzelberatung ist der Austausch mit anderen Betroffenen in Gesprächsgruppen möglich; dieser sei besonders wertvoll. Die Mitarbeiterinnen vermitteln und begleiten die Eltern bei Bedarf zu anderen Hilfsorganisationen oder zu Gesprächen im Jugendamt. Ziel sei, die Eltern in ihrer Erziehungsfähigkeit zu stärken – im Interesse der Kinder.

Eine Teilnehmerin fasst die Ergebnisse so zusammen: »Ich bin gelassener. Ich habe gelernt, meine Wut zu kontrollieren. Ich kann jetzt darüber reden, warum meine Kinder nicht bei mir sind.« Eine andere berichtet, sie habe erfahren, wie bedeutsam ihr Selbstwertgefühl ist. »Und so geht es fast allen«, betont Friederike Henn. Im vergangenen Jahr hatten 38 Eltern, zwölf davon Männer, über 300 Beratungskontakte. Es ging um 45 »fremdplatzierte« Kinder.

»Die Entscheidung für eine Inobhutnahme ist immer schwer«, sagen Manthey und Schlathölter. Und in der Regel sei sie gerechtfertigt, meinen auch die Fachfrauen von der Aktion Perspektiven. Über die Hälfte der Kinder kann dennoch zu den Eltern zurück – weil es denen gelungen ist, ihr Leben zu stabilisieren. 

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aktionen
  • Beratungsangebote
  • Eltern
  • Gießen
  • Jugendämter
  • Redaktion
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


1
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.