16. August 2018, 11:00 Uhr

Wohnen

Was es mit neuen »All-inclusive-WGs« in Gießen auf sich hat

Es ist ein neuer Trend auf dem Gießener Immobilienmarkt: Immer mehr Investoren bieten das sogenannte All-inclusive-Wohnen in zum Teil mondänen Innenstadt-WGs für Studenten an.
16. August 2018, 11:00 Uhr
Unter anderem in der ehemaligen Imaxx-Villa in der Schanzenstraße sind Studentenzimmer zum Festpreis entstanden. (Foto: Schepp)

Jannett Parma rollt den schwarz-weiß gemusterten Teppich aus, rückt das braune Ledersofa zurecht und nimmt auf einem modernen Sitzhocker im großen gemeinschaftlichen WG-Wohnzimmer Platz. »Wir haben uns mit der Ausstattung große Mühe gemacht«, sagt sie. Das ist in der ehemaligen Imaxx-Villa in der Schanzenstraße aus dem Jahr 1887 nicht zu übersehen.

Die loftartigen Wohnungen sind liebevoll durchdacht und stylisch eingerichtet. Gemeinsam mit ihrem Bruder Kai Laumann, Inhaber der Laumann Zimmerei und Bedachungs GmbH aus Wettenberg, hat die Prokuristin in den vergangenen Monaten ein neues Geschäftsfeld entwickelt. Rechtzeitig zum Start des neuen Wintersemesters wird das Unternehmen in drei Gebäuden in der Innenstadt insgesamt 58 Studentenzimmer in Wohngemeinschaften anbieten. Die Ausstattung in der Südanlage 17 sowie der Schanzenstraße 20 und 22 ist dabei genauso gehoben wie die Zielgruppe. Letzteres würden Laumann und Parma aber wahrscheinlich nicht bestätigen.

Großzügige Gemeinschaftsräume

Das neue Konzept sieht vor, dass die einzelnen WG-Zimmer eher klein, Gemeinschaftsräume wie Küche, Esszimmer und Wohnbereich dagegen sehr großzügig sind. Die Wohnungen sind komplett eingerichtet. Jeder Mieter erhält die gleiche Möblierung mit Bett, Schreibtisch, Stuhl, Kleiderschrank sowie einer Kommode. Die Zimmer unterscheiden sich dennoch im Detail – sei es ein Balkon, eine Hochschlafebene, ein Einbauregal im alten Türrahmen oder eine freigelegte Backsteinwand.



Die zukünftigen Bewohner müssen eigentlich nur den Koffer auspacken. Und los geht das Studentenleben. Das dürfte auch Väter freuen, die keine Lust auf einen mühevollen Umzug und den Aufbau der alten Schränke haben, und Mütter, die ihre Kinder am neuen Studienort nicht in einer abgewohnten Bude unterbringen wollen. Voraussetzung ist, dass das Budget passt.

Es gibt eine große Nachfrage und daher auch Bedarf

Jannett Parma

Ein Zimmer in einem solchen Rundum-sorglos-Wohnparadies kostet zwischen 380 und 510 Euro. Die Miete wird pauschal abgerechnet und enthält alle Kosten. Von GEZ über Internetanschluss, Strom, Wasser, Heizung, Hausmeisterservice und Waschmaschinenbenutzung – sogar eine Putzfrau ist dabei. Sie kommt in regelmäßigen Abständen und pflegt die Gemeinschaftsräume. Nebenkostenabrechnungen gibt es dagegen nicht. »Gerade im Altbau ist es wichtig für Studierende, die volle Kostenkontrolle zu haben. Wir rechnen aufgrund der großen Gemeinschaftsflächen auch nicht mit einem Quadratmeterpreis. Wir sehen die WGs als Gesamteinheit mit einem privaten Zimmer«, sagt Parma. Die jeweilige Größe – vom kleinen Zimmer mit zweiter Ebene zum Schlafen bis zum geräumigen Maisonettezimmer mit Balkon – ist frei wählbar.

Anspruchsvolles Publikum

»Wir haben in der Stadt eine hohe Zahl an Studenten. Qualität und Quantität des Wohnraums für Studis muss man jedoch sehr differenziert betrachten«, sagt Parma. Unter Studenten gäbe es eben auch anspruchvolleres Publikum. »Diese Sparte besetzen wir. Das wird gut angenommen.« Schöner Nebeneffekt für die Stadt: Fassadenexperte Laumann hat die drei in die Jahre gekommenen Häuser – zwei davon Kulturdenkmäler – für mehr als 4 Millionen Euro aufwendig herausgeputzt. »Mir liegt das Erscheinungsbild der Stadt am Herzen, ich möchte gerne dazu beitragen, dass es sich weiter positiv verändert«, betont Laumann.

Dass man mit diesem Wohnkonzept aber auch Geld verdienen kann, weiß auch Investor Oliver Kuhn. Er hat bereits 2011 mit einem Partner in der Bleichstraße ein denkmalgeschütztes Wohnhaus zum WG-Haus gemacht und vermietet in der Innenstadt mittlerweile in zwölf Häusern mehr als 150 WG-Zimmer zum Festpreis. »Es ist ein besonderes Konzept und sicher nicht für Einzelgänger geeignet, da der Schwerpunkt auf dem gemeinschaftlichen Wohnen liegt«, sagt Kuhn. In jedem seiner Objekte gibt es – wie bei Laumann auch – zusätzlich mal einen Partyraum, ein Musikzimmer, einen Grillplatz oder einen Kellerraum mit Tischtennisplatte.

Auch Kuhn liegt viel daran, alte Bausubstanz zu sichern. In seinen Objekten – oft aus der Gründerzeit – arbeitet er architektonische Details heraus oder setzt mit antiken Möbeln Akzente. Mehrfach sind seine Objekte für den Hessischen Denkmalpreis nominiert worden. Ein weiteres solches WG-Objekt eines Investors aus Marburg soll in der kernsanierten Jugendstil-Villa am Ludwigsplatz 10 entstehen.

Mieterverein sieht Trend kritisch

Stefan Kaisers vom Mieterverein sieht den Wohntrend kritisch. »Solche Objekte können sich nur Studierende mit gutem Budget, von Beruf Sohn oder Tochter leisten«, sagt Kaisers. Bei einem durchschnittlichen Studi liege das Monatsbudget bei 950 Euro. »Es wird deutlich, dass für die WG-Zimmer mit Sorglos-Paket kein durchschnittlicher Student in Frage kommt. Hier wird das Luxussegment angeboten«, betont Kaisers. »Es mag aber sein, dass sich durch ein Umzugskarussell ein Sickereffekt einstellt, die reichen Studenten dort einziehen und so andere günstigere Wohnungen frei machen.« Zur Lösung der Wohnmisere für Studenten tragen solche Häuser seiner Meinung nach aber nicht bei.

Mit der Kritik können die Investoren umgehen. »Jeder zusätzliche Wohnraum entspannt die Mietsituation, weil er das Angebot erhöht. Jede Wohnung, die entsteht, trägt zur Preisentspannung bei. In manchen meiner Häuser haben vorher zwei oder drei Personen unter miserablen Bedingungen gelebt, heute stehen dort Schmuckstücke, in denen mehr als zehnmal so viele Personen ein Zuhause haben«, sagt Kuhn. Parma hält dagegen, dass man Wohnraum für junge Menschen geschaffen habe, wo zuvor zum Teil Gewerbeeinheiten untergebracht waren. »Es gibt eine große Nachfrage für unsere Wohnungen und daher auch Bedarf.«

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