23. April 2018, 11:00 Uhr

Förderschule

Vorwurf: Behinderte Kinder beschimpft und misshandelt

Die Gießener Martin-Buber-Schule ist eine Förderschule. Auch geistig behinderte Kinder werden hier betreut. Offenbar sehr gut, Einige Eltern sprechen aber von Beleidigungen und Misshandlungen.
23. April 2018, 11:00 Uhr

Von Christoph Hoffmann , 2 Kommentare
An der Martin-Buber-Schule gibt es Ärger wegen den von den Busunternehmen eingesetzten Fahrern. (Foto: Schepp)

Missgeburt: Eine verletzendere Beleidigung für ein geistig behindertes Kind gibt es wohl nicht. Dem zwölfjährigen Jeremy ist dieses Wort kürzlich an den Kopf geworfen worden. Auf dem Weg zur Gießener Martin-Buber-Schule. Absender der Beleidigung war ein Fahrer des Beförderungsunternehmens. Das sagt zumindest Jeremys Vater Michael Witte. Er ist empört, zumal es nicht bei Worten geblieben sei. Der Fahrer habe seinen Sohn auch wüst aus dem Auto gezerrt. »Die Fahrer sind nicht ausgebildet im Umgang mit behinderten Kindern«, beklagt der Vater. Es sei auch nicht die erste Verfehlung dieser Art gewesen, vergangenes Jahr habe er wegen Handgreiflichkeiten gegen seinen Sohn sogar Anzeige erstattet, sagt Witte. »Ein Fahrer hat ihm am Nacken gepackt und nach unten gedrückt.«

Die Martin-Buber-Schule ist eine gebundene Ganztagsschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Fotos auf der Internetseite zeigen glückliche Kinder bei Kanutouren, Faschingsfesten und dem selbst organisierten Weihnachtsmarkt. Es gibt eine Schüler-Redaktion, einen Chor und vieles mehr. Im Schulprogramm heißt es an vorderster Stelle: »Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe zu begegnen, sie auf das wirkliche Leben vorzubereiten und ihnen die Teilhabe daran zu ermöglichen, sehen wir als unsere zentrale Aufgabe an.« Die Lehrer und anderen Mitarbeiter sind diesbezüglich ausgebildet. Die Fahrer, die die Kinder zur Schule und anschließend wieder nach Hause bringen, sind jedoch keine Beschäftigten der Schule. Sie arbeiten für Unternehmen der Privatwirtschaft und werden vom Landkreis eingesetzt. Daher verweist die Schulleitung bei diesem Thema auch an den Kreis als Schulträger.

Erste Kreisbeigeordnete und Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl kennt die Vorwürfe – und sie bestätigt sie. »Uns ist bekannt, dass letzten Sommer der Junge am Nacken nach unten gedrückt worden ist. Als die Schule uns darüber informiert hat, haben wir sofort Kontakt mit dem Unternehmen aufgenommen. Der betreffende Fahrer ist beurlaubt worden.« Schmahl betont, dass die Fahrten mit den behinderten Kindern sehr anstrengend seien, mitunter würden sie sich während der Fahrt abschnallen und ins Lenkrad greifen. »Aber das rechtfertigt natürlich in keinster Weise solch eine Reaktion.« Und auch aus dem aktuellen Fall, der sich bei einem anderen Busunternehmen abgespielt hat, habe der Landkreis Konsequenzen gezogen, betont Schmahl. Nach Bekanntwerden der Missgeburt-Äußerung sei man ebenfalls bei dem Unternehmen vorstellig geworden. »Der Fahrer hat die Beleidigung eingeräumt und sich entschuldigt. Trotzdem wird er nicht mehr eingesetzt.« Die Schuldezernentin betont in diesem Zusammenhang, dass Eltern auch die Möglichkeit haben, beim Jugendamt eine Begleitperson für ihr Kind zu beantragen. Auch Jeremys Eltern habe man diesen Schritt nahegelegt, sie hätten ihn einige Monate später auch beantragt.

Zum 1. Februar wurde die Beförderung mit Begleitpersonen neu ausgeschrieben. Das alte Unternehmen ist zwar noch bei Fahrten ohne Begleitperson im Einsatz, bei den anderen Touren ist jedoch ein neues zuständig. Aber auch hier kam es zu Verfehlungen. Schmahl sagt in diesem Zusammenhang, dass bei den Ausschreibungen die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden müsse. Sie verweist aber auch auf einen Passus in den Verträgen. Darin steht: »Das eingesetzte Fahrpersonal muss auch persönlich geeignet sein, mit dem zum Teil auffälligen Verhalten von Schülerinnen und Schülern angemessen umgehen zu können.« Schmahl: »Das beinhaltet selbstverständlich, dass ein Fahrer weder persönliche Beleidigungen äußern noch körperlich übergriffig werden darf.«

Doch die Klausel verhindert das Fehlverhalten offensichtlich nicht. Auch Katrin Timm hat Verfehlungen beobachtet. Sie betreffen ihren zehnjährigen Sohn, der ebenfalls auf die Martin-Buber-Schule geht. »Einmal hat der Fahrer ihn einfach aus dem Wagen fallen lassen und ist weggefahren. Er hat uns auch schon als asozial beschimpft.« Timm ist Mitglied im Elternbeirat, daher wisse sie, dass auch viele andere Eltern unzufrieden seien. Dazu gehört auch Jeremys Vater Michael Witte. Für ihn ist die Ursache der Problematik klar: »Es geht hier nur um die Kosten. Billig ist wichtiger.«

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