11. März 2018, 08:00 Uhr

Altersdiskriminierung

Vorsicht: »Jung und dynamisch«

Wegen einer ungeschickt formulierten Stellenanzeige muss ein kleines Gießener Unternehmen 2300 Euro Entschädigung an einen abgelehnten 58-jährigen Bewerber zahlen.
11. März 2018, 08:00 Uhr

Von Jens Riedel , 1 Kommentar

Wieder etwas dazugelernt: Die 62-jährige Geschäftsführerin eines kleinen Gießener Unternehmens mit knapp zehn Mitarbeitern wird künftig über die Formulierung ihrer Stellenausschreibungen etwas genauer nachdenken. Weil sie für ihr »junges, dynamisches Team einen Vertriebsmitarbeiter (m/w) für den Innendienst« gesucht hat, muss sie nun einem 58-jährigen Bewerber 2300 Euro Entschädigung wegen Altersdiskriminierung zahlen. Dies hat das Arbeitsgericht Gießen am Donnerstag bei einem Kammertermin entschieden.

Der klagende 58-jährige Jobsucher, der nach seiner Bewerbung keine Einladung zum Vorstellungsgespräch, sondern eine Absage erhalten hatte, warf dem Gießener Unternehmen vor, dass er wegen seines relativ hohen Lebensalters nicht für die Stelle berücksichtigt worden sei. Deshalb machte er vor Gericht einen Entschädigungsanspruch wegen Altersdiskriminierung geltend. »Wer heutzutage noch die Worte ›jung‹ und ›dynamisch‹ in eine Stellenanzeige hineinschreibt, gehört eigentlich aus Prinzip schon bestraft«, sagte der Anwalt des Klägers.

Arbeitsrichter Michael Schneider formulierte dies zurückhaltender, befand aber, dass die Stellenanzeige zumindest »ungeschickt« formuliert war. Laut Allgemeinem Gleichstellungsgesetz (AGG) dürften ältere Menschen nicht wegen ihres Alters von einem Job ausgeschlossen werden – dies habe auch schon der Bundesgerichtshof entschieden.

 

Vergleich zuvor abgelehnt

Die Schadenersatzansprüche eines abgelehnten Bewerbers können bis zu einem dreifachen Brutto-Monatsgehalt betragen, wenn der Arbeitgeber die Diskriminierungsvermutung nicht anhand von objektiven Kriterien bei der Auswahl der Bewerber widerlegt. Im ersten Gütetermin hatte die Geschäftsführerin des beklagten Unternehmens einen Vergleich abgelehnt, der vorgesehen hatte, dem zurückgewiesenen Bewerber eine Entschädigung in Höhe von 2500 Euro – was in etwa einem Monatsgehalt entsprochen hätte – zu zahlen. Beim nun notwendig gewordenen Kammertermin schlug Richter Schneider einen erneuten Vergleich mit einer Entschädigungszahlung in Höhe von 2200 Euro vor.

Dieses Geld hätte der Kläger – der nicht persönlich vor Gericht erschienen war, sondern nur seinen Anwalt geschickt hatte, was Richter Schneider als »fehlendes Interesse« rügte – auch angenommen, doch die Unternehmerin wollte nur 500 Euro zahlen. »Wir diskriminieren in unserem Betrieb niemanden wegen seines Alters, ich habe mir lediglich über die Formulierung der Stellenausschreibung keine Gedanken gemacht«, sagte die Geschäftsführerin. Das Gericht kannte aber kein Pardon und legte 2300 Euro als Entschädigung fest – obwohl von den 35 Bewerbern, die sich auf die Ausschreibung gemeldet hatten, letztlich niemand eingestellt wurde. Denn das Unternehmen hatte umgeplant und die offene Stelle gar nicht besetzt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitsgerichte
  • Bundesgerichtshof
  • Gießen
  • Michael Schneider
  • Wochenende
  • Gießen
  • Jens Riedel
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


1
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.