18. November 2009, 21:34 Uhr

Vor 30 Jahren wurde der »Gießener Ring« freigegeben

Auf 317 Millionen Mark beliefen sich die Gesamtkosten für das Bauwerk, das die Gießener vom Durchgangs-Schwerverkehr befreite.
18. November 2009, 21:34 Uhr
Die letzten Schilder auf der Südtangente werden errichtet, die Freigabe erfolgte heute vor 30 Jahren. Durch den »Gießener Ring« konnte vor allem der Schwerverkehr aus der Stadt gehalten werden. (Foto: pv)

»Die mittelhessische Universitätsstadt ist bekannt für ihr großzügiges Angebot an stadtnahen Autobahnanschlüssen. Gießen ist die Asphalt gewordene Realisierung der alten ADAC-Parole von der freien Fahrt für freie Bürger.« Man kann nicht gerade sagen, dass es die beiden Autoren Christoph Mäckler und Manfred Schuchmann in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch »Architektursünden in Hessen« gut mit der Stadt Gießen meinen würden. Zugleich kann man aber auch nicht sagen, dass sie mit ihrer Kritik nicht Recht hätten. Denn fraglos ist Gießen für eine Mittelstadt dieser Größe ausnehmend gut an das deutsche Autobahnnetz angebunden. Insgesamt elf Autobahndreiecke und Anschlussstellen zählt der »Gießener Ring«, auf dem die Kraftfahrer seit dem 19. November 1979 die Stadt aus allen Richtungen kommenden umfahren können. Damit begeht das Straßenwerk heute den 30. Jahrestag seiner endgültigen Fertigstellung.

Trotz aller Kritik an dem Bauwerk: Für viele Gießener bedeutete die Fertigstellung des »Rings« geradezu eine Erlösung von der Lärmbelästigung. Langjährige Anwohner der Marburger Straße werden sich noch mit Grausen an die schlaflosen Nächte erinnern, die vor allem der Schwerlastverkehr auf dem schlechten Straßenpflaster verursachte. Auf ihrem Weg vor allem von Norden nach Westen hatten die Brummifahrer zuvor keine Alternative zur Fahrt durch die Stadt gehabt. Am 19. November 1979 wurde sowohl das Teilstück vom Autobahndreieck Reiskirchen bis zum Gießener Nordkreuz als auch die Südspange bei Kleinlinden dem Verkehr übergeben. Die anderen Strecken waren in den Jahren zuvor peu à peu freigegeben worden, so dass bei der feierlichen Inbetriebnahme des kurzen Teilstücks zwischen Lahnfelddreieck und Kleinlinden Gießens Oberbürgermeister Hans Görner erfreut feststellen könnte: »Erst heute ist der Ring wirklich ein Ring.«

Dass der Bund »für einen verhältnismäßig eng begrenzten Raum eine beachtliche Leistung« erbracht hatte, darauf wies beim Wegräumen der letzten Absperrungen der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Erhard Mahne, hin. Eine Tatsache, die wohl auch in Gießen nicht betritten wurde. Denn immerhin hatte das insgesamt rund 23 Kilometer lange Bauwerk den Bund 317 Millionen DM gekostet. Wobei das letzte, 3.6 Kilometer lange Teilstück der Südtangente im Verhältnis das teuerste war. Die besondere Schwierigkeit für die Baufachleute ergab sich daraus, dass bei Kleinlinden mehrere Bahngleise und eine Bundesstraße überquert werden mussten, ohne den hier starken Verkehr zu stören. Es gelang schließlich durch den Bau einer 500 Meter langen Brücke, die allen 13 Millionen DM kostete. Das ganze Teilstück lag letztlich bei 32 Millionen.

Doch war es nicht nur die Gesamtsumme, die die Kritiker auf den Plan rief. Die Naturschützer störten sich vehement an dem enormen Flächenverbrauch, insgesamt stünden 230 Hektar Land nicht mehr für die Landwirtschaft oder zur Erholung zur Verfügung, hieß es damals. Zwei Naturschutzgebiete (Bergwerkswald und Hangelstein) seien schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Und auch in jenen Teilen der Bevölkerung regte sich Widerstand, die durch die Nähe ihrer Wohnungen und Häuser zur neuen Autobahn vorher nicht bekannten Lärmbelästigungen ausgesetzt waren. Erst mit dem Bau von Lärmschutzwänden konnten die Beeinträchtigungen engedämmt werden.

Und schließlich blieb es auch nicht bei den 371 Millionen DM: Durch unvorhersehbare Fahrbahnsenkungen und mehrere Erdabrutschungen, die beseitigt werden mussten, waren die Verantwortlichen genötigt, weiteres Geld in die Hand nehmen. So bleibt die Vermutung, dass ein solch imposantes Bauwerk - trotz unbestreitbarer Vorteile - in der heutigen Zeit niemals gebaut würde.

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