Für den 33-Jährigen muss der Prozess am Donnerstag eine Genugtuung gewesen sein. Als Angeklagter, der via Computerbetrug knapp 400 000 Euro in die eigene Tasche gesteckt haben soll, betrat er das Gießener Amtsgericht; als freier Mann verließ er es wenig später. Es sieht so aus, als habe eine frühere Mitarbeiterin des Gießeners versucht, sich die Firma des gebürtigen Afghanen – sie vermittelt Dolmetscherdienste – unter den Nagel zu reißen und dies durch falsche Anschuldigungen untermauern zu wollen. Verteidiger Frank Richtberg kündigte an, die 26-jährige Marburgerin wegen Untreue anzuzeigen.

Dass der Unternehmenschef sich vor Gericht verantworten musste, liegt vermutlich an der recht kompliziert geregelten Führungsstruktur. Über einen Treuhandvertrag trat die Frau – wie der Angeklagte aus Afghanistan stammend – nach außen hin als Geschäftsführerin auf. »Sie hat in meinem Namen 100 Prozent gehalten, war aber permanent weisungsgebunden.« Tatsächlich waren die Eigentumsverhältnisse umgekehrt. Sie hielt zehn Prozent an dem Unternehmen, er 90. Kennengelernt hatten sich beide in Marburg, wo der Angeklagte studiert hatte. Schon während dieser Zeit habe er mit Bekannten Dolmetscherdienste angeboten und sich ein Netzwerk von bis zu 350 Übersetzern aufgebaut. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise habe er auf diese Weise viel Geld verdient und sein Studium finanziert.

Warum die Firma über die 26-Jährige angemeldet worden war und nicht auf seinen Namen, wollte Richterin Sonja Robe von dem Angeklagten wissen. Der Grund liege in der Auftragsvergabepraxis des Regierungspräsidiums Gießen, erklärte der 33-Jährige. Da er schon bei einem anderen Übersetzungsbüro tätig gewesen sei, das für die Behörde arbeitete, habe man keinen neuen Vertrag mit ihm abschließen wollen.

Die Aufgaben der Marburger Kollegin seien sehr begrenzt gewesen, betonte der Mann. Sie habe lediglich Aufträge des Regierungspräsidiums telefonisch angenommen und an ihn weitergeleitet. Dafür soll sie rund 1000 Euro im Monat bekommen haben. Das schien ihr aber später nicht mehr genügt zu haben, vermutete der Unternehmer. Deshalb habe seine Mitarbeiterin geplant, ihn aus der Firma zu drängen und das Geschäft zusammen mit ihrem Verlobten zu übernehmen. Aus diesem Grund habe er knapp 400 000 Euro von den Firmenkonten abgehoben. Sein Mandant sei dazu jederzeit berechtigt gewesen, unterstrich Richtberg, der dem Gericht eine Mappe mit Verträgen und weiteren Unterlagen vorlegte.

Hells Angels als Geldeintreiber?

Ein Polizist äußerte, die Marburgerin habe den Eindruck erwecken wollen, alleinige Geschäftsführerin zu sein. Dennoch seien »Ungereimtheiten« geblieben. Das »Opfer« erschien nicht bei Gericht. »Das sagt auch etwas«, stellte die Richterin fest. Richtberg ergänzte, die Frau habe sogar eine »kriminelle Bande« auf seinen Mandanten angesetzt, um 180 000 Euro einzutreiben. Die Männer – wohl Mitglieder der Hells Angels – hätten ihm aber gesagt, dass sie die Anschuldigungen seiner Kollegin für Lügen hielten und ihn in Ruhe gelassen, sagte der Angeklagte.

Ein schwacher Trost. »Die hat meine Firma völlig plattgemacht«, bedauerte der Mann. Trotz eines vor dem Landgericht geschlossenen Vergleichs weigere sie sich, zuzustimmen, dass er vom Regierungspräsidium 297 000 Euro bekomme, um Dolmetscher zu bezahlen. »Für diese Leute bin ich die Zielscheibe.« Selbst wenn er den Rechtsstreit mit ihr abschließen könne, würden viele Übersetzer nicht mehr mit ihm arbeiten wollen.

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