26. März 2016, 08:27 Uhr

Viele Fragen nach Festnahme von Terrorverdächtigen in Gießen

Gießen (mö/fd). Nach der Festnahme eines Mannes am Gießener Bahnhof, der unter Verdacht steht, mit den Attentätern von Brüssel in Kontakt gestanden zu haben, sind viele Fragen offen. Vor allem: Was machte der 28-jährige Marokkaner in Mittelhessen? Ein Überblick. 
26. März 2016, 08:27 Uhr
(Foto: dpa)

Die Nachricht scheint sich am Karfreitag wie ein Lauffeuer zu verbreiten: Im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Brüssel hat es in der Nacht zum Donnerstag eine Festnahme am Gießener Bahnhof gegeben. Zu zahlreichen Reisenden ist diese Nachricht aber auch noch nicht durchgedrungen. Die meisten schütteln den Kopf und reagieren ungläubig. Ängstlich wirkt niemand. »Gießen ist doch viel zu unwichtig für die«, sagt ein älterer Mann, winkt ab und geht weiter.

Offenbar kein fester Wohnsitz in Gießen

Unklar ist bislang, was der 28-jährige Marokkaner in Gießen machte. War er auf der Durchreise? Oder lebte er gar in der Stadt? Sicher ist: Zum Zeitpunkt der Festnahme ging am Bahnhof Gießen nicht viel. Der nächste Zug wäre erst 2,5 Stunden später gefahren.

»Dazu kann ich Ihnen wirklich nichts sagen«, erklärt Thomas Hauburger, Sprecher der Gießener Staatsanwaltschaft, die die weiteren Ermittlungen wegen des möglichen Terrorverdachts an die Bundesanwaltschaft abgegeben hat. Nach bisherigen Informationen hat der Verdächtige offenbar keinen festen Wohnsitz in Gießen. 

Was war passiert?

Gegen 1.45 Uhr am Donnerstag war der Mann bei einer Routinekontrolle Bundespolizisten aufgefallen. Im Zuge der weiteren Ermittlungen ergaben sich dann Hinweise, dass der Mann unter Umständen in Kontakt zu den Attentätern von Brüssel stand. Laut Hessischem Rundfunk stellte die Polizei im Mobiltelefon des Verdächtigen eine SMS mit dem französischen Wort "fin" fest. Also: "Ende." Die SMS erreichte den Mann offenbar am Dienstag kurz vor der letzten Explosion in Brüssel. In einer weiteren SMS stand nach Informationen der Tagesschau der Name eines der Attentäter, auch soll der nun festgenommene Mann "in den Stunden zuvor mit mindestens einer Person aus dem unmittelbaren Umfeld der späteren Attentäter direkten Kontakt gehabt haben."

Pressemeldung der Staatsanwaltschaft im Originallaut
Am 24.03.2016 wurde um 01:45 Uhr ein junger Mann am Bahnhof in Gießen einer polizeilichen Kontrolle unterzogen. Da er keine gültigen Ausweispapiere mit sich führte, wurde er zur örtlich zuständigen Bundespolizeidienstelle verbracht. Im Zuge einer Identitätskontrolle konnte festgestellt werden, dass er in der Vergangenheit bereits unter Verwendung verschiedener Aliaspersonalien in das Bundesgebiet eingereist war und Asyl begehrte. Bei der Durchsuchung der Person konnten mehrere Dokumente aufgefunden werden, die darauf schließen lassen, dass er sich zuletzt u.a. auch in der Umgebung von Brüssel aufgehalten hat. Zudem wurde ein Handy sichergestellt, welches derzeit digitalforensisch ausgewertet wird.

Da der aufenthaltsrechtliche Status der Person ungeklärt ist, hat die Polizei und die Staatsanwaltschaft Gießen ein Verfahren wegen des dringenden Verdachts des Verstoßes gegen das Aufenthaltsgesetz und der mittelbaren Falschbeurkundung eingeleitet. Der Beschuldigte wurde heute dem Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Gießen vorgeführt. Es erging Haftbefehl.

Bei dem Beschuldigten handelt es sich nach ersten Erkenntnissen um einen marokkanischen Staatangehörigen im Alter von 28 Jahren. Er ist bereits in Italien mehrfach kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten.

Ob und inwieweit Verbindungen zu den Anschlägen in Brüssel bestehen, wird seit gestern von den Strafverfolgungsbehörden überprüft. Von Beginn der Ermittlungen an hat ein intensiver Informationsaustausch zwischen der hiesigen Kriminaldirektion, der Staatsanwaltschaft und den übergeordneten Landes- und Bundesbehörden stattgefunden.


Ein Haftrichter am Gießener Amtsgericht erließ Haftbefehl, allerdings »nur« wegen des Verdachts auf einen illegalen Aufenthalt und Urkundenfälschung.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz mahnt auf GAZ-Anfrage zu Besonnenheit und Wachsamkeit. Sie hatte die Nachricht mittags im Radio gehört und anschließend mit Polizeipräsident Manfred Schweizer telefoniert. Auch der habe »vor Panikreaktionen« gewarnt, berichtet Grabe-Bolz.

Früher schon einmal in Mittelhessen unterwegs

Offenbar gehen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass der Marokkaner, der mit mehreren Identitäten in ganz Europa unterwegs war, eher zufällig am Gießener Bahnhof aufgegriffen wurde. Im mittelhessischen Raum soll der Mann, der nach Informationen von SWR und RBB bereits 2014 erfolglos in Deutschland einen Asylantrag gestellt hatte, früher schon einmal unterwegs gewesen sein.

Salafistische Jugendgruppe nicht in Verfassungsschutzbericht

Klar ist: Gießen gilt bislang nicht als Hochburg der Islamistenszene. Für diesbezügliche Schlagzeilen sorgte bislang nur Ende 2014 eine Jugendgruppe, deren Aktivitäten durch einen Bericht der Gießener Allgemeinen Zeitung öffentlich wurden. Das Landesamt für Verfassungsschutz bestätigte eine salafistische Orientierung der Gruppe, aber als militant wurde sie offenbar nicht eingeordnet. Im Bericht des hessischen Verfassungsschutzes für 2014 wird sie jedenfalls nicht erwähnt. Auch die letzten Koran-Verteilaktionen, die von Frankfurter Salafisten in Gießen durchgeführt wurden, liegen schon einige Zeit zurück.

Erst als am Karfreitag am Nachmittag die überregionalen Medien am Gießener Bahnhof anrücken, sind auch Streifen der Bundespolizei mit automatischen Waffen und Schutzwesten zu sehen, die auch am frühen Abend noch Präsenz zeigen. Einige Reisende wissen immer noch nicht, dass Gießen in aller Munde ist. »Nö, nix gehört«, sagt eine Frau und fügt hinzu: »Ist doch gut, dass sie ihn erwischt haben.«

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