14. Dezember 2018, 21:35 Uhr

Wort zum Sonntag

Verschüttete Sehnsüchte

14. Dezember 2018, 21:35 Uhr

Gehören Sie auch zu den Menschen, denen es egal ist, was die anderen glauben, worauf sie hoffen, was sie wirklich tröstet – im Leben wie im Sterben? So verhält es sich empirischen Umfragen zufolge mit den modernen Atheisten.

Wenn sich Menschen vom Glauben abwenden, sind es nur selten überzeugte Atheisten, sondern Menschen für die Religion keine Bedeutung hat. Sie wird nicht gebraucht. Danke, ich komme zurecht, sagen sie oder mit einer bekannten Redewendung – »immer so weiter«.

Die Adventszeit steht dem gegenüber für einen anderen Blick auf die Welt. Mit wunderbaren Sprachbildern, die längst verschüttete Sehnsüchte und Hoffnungen wachrütteln, erinnern Christinnen und Christen sich in dieser Zeit daran, dass eine ganz andere Welt möglich ist, eine Welt, in der Gott zu uns kommt.

Wenn sich das ereignet, dann werden aus Wüsten blühende Gärten, dann springen Lahme wie junge Hirsche und die Zunge der Stummen frohlockt. Tatsächlich? Haben Sie so etwas schon einmal erlebt? Träum weiter, lautet dann häufig die Antwort und das Gespräch ist zu Ende.

Hoffnungen wecken

Es wäre doch wunderbar, wenn stattdessen Menschen über ihre Hoffnungen miteinander ins Gespräch kämen, wenn sie sich gegenseitig erzählten von Lahmen, die wieder alle Erwartungen plötzlich springen wie junge Hirsche. Wer einmal mit eigenen Augen gesehen hat, was geschieht, wenn es in der Wüste regnet und wieder alle Erwartungen das Grün sprießt, der gibt die Hoffnung auf eine andere Welt so schnell nicht auf. Man kann den Regen nicht herbeizwingen, aber wenn er kommt, sind da, wo vorher nur karges trockenes Land war, plötzlich Blumen und Knospen.

Auch Gott lässt sich nicht herbeizwingen, sondern er kommt zu uns, so wie der Regen, der die Wüste in eine blühende Landschaft verwandeln kann. In diesem Glauben verwandelt sich der Blick auf die Welt und das Leben. Er geht über das unmittelbar vor Augen Stehende hinaus. Eine »trotzige, verwegene Zuversicht« nennt Martin Luther das. Wenn Menschen sie mit anderen teilen, mit Gläubigen und Zweiflern oder mit modernen Atheisten, verändert sich nicht nur der Blick auf die Welt, sondern auch ihr Tun, denn sie machen sich gemeinsam auf die Suche nach Hoffnungsspuren, nach blühenden Wüsten, nach Lahmen die springen wie junge Hirsche und Stummen deren Zunge frohlockt, nach einer Welt in der Friede und Gerechtigkeit sich küssen? Dann zeigt sich, sie ist doch möglich, die andere Welt. Gott kommt zu uns!

Pfarrerin Christine Weg-Engelschalk, Religionspädagogisches Institut der evangelischen Kirche Gießen

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