26. Januar 2018, 18:08 Uhr

Gericht

Vermeintlicher »Taliban-Sympathisant« in Gießen verurteilt

Ein ungewöhnlicher Prozess beschäftigt das Gießener Landgericht. Sogar von einer »Talibanisierung der Verhandlung« war die Rede.
26. Januar 2018, 18:08 Uhr
(Foto: dpa/Symbolbild)

Langsam rutschte der Angeklagte vom Stuhl. Dabei waren die Plädoyers im Prozess gegen ihn noch gar nicht gehalten. Vor der Urteilsverkündung brach der 32-Jährige erneut zusammen. Die Wachtmeister fuhren den Mann, der beim mehrstündigen Prozessauftakt am Dienstag noch keine Schwächeanfälle erlitten hatte, für den Rest der Verhandlung am Donnerstag auf einem Bürostuhl mit Rollen durch den Verhandlungssaal. Das Urteil der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts gegen den Afghanen fiel deutlich milder aus als von Staatsanwaltschaft und Nebenklage gefordert. Statt zwei Jahren und einem Monat Gefängnis wegen Freiheitsberaubung kassierte er unter anderem wegen Nötigung ein Jahr und vier Monate auf Bewährung.

Vorsitzender Richter Andreas Wellenkötter betonte, dass das Opfer – eine 20 Jahre alte Afghanin – freiwillig zu dem Angeklagten in ein Auto gestiegen sei, um mit ihm ein Gespräch zu führen. Tatsächlich wurde die Frau am 21. April vergangenen Jahres mit diesem Wagen – in dem sich noch zwei Mitangeklagte befanden – von Oberursel nach Kirchen (Sieg) gefahren, wo der Hauptangeklagte lebte. Von dort aus wurde sie noch in der Nacht nach Gießen in die Wohnung des älteren Mitangeklagten gebracht. Da die Afghanin nicht gefesselt gewesen sei und beispielsweise die im Hochparterre gelegene Gießener Wohnung jederzeit über eine nicht verriegelte Balkontür hätte verlassen können, sah Wellenkötter keine Freiheitsberaubung.

Hintergrund für das Geschehen ist, »dass der Angeklagte nicht akzeptieren kann, dass seine Frau ihn verlassen hat«, betonte der Vorsitzende. Da die 20-Jährige dieser Frau geholfen hatte, in einem Frauenhaus unterzukommen, habe er versucht, von ihr den Aufenthaltsort seiner Frau zu erfahren. Das Opfer hatte berichtet, mehrfach von dem Täter bedroht worden zu sein. Er sei ein »Taliban-Sympathisant, für den Töten ein Kinderspiel ist«. Der Familienvater habe damit gedroht, in Afghanistan Angehörige seiner Frau umbringen zu lassen. Aus Angst und weil sie dem Mann klarmachen wollte, dass sie nie ein Scheitern seiner Ehe betreiben wollte, habe sie sich mit ihm getroffen. Von der Toilette der Gießener Wohnung aus war es ihr gelungen, via Handy durchzugeben, wo sie sich befand. Gegenüber der Polizei leistete der Angeklagte keinen Widerstand.

Seine Version – das Opfer habe sich in ihn verliebt und sich deshalb mit ihm getroffen – hielt die Kammer für unglaubwürdig. Zumal gegen den Mann ein weiteres Verfahren vor dem Amtsgericht Koblenz läuft, unter anderem wegen Bedrohung und Körperverletzung. In diesem Fall sollen die 20-Jährige und seine Ehefrau die Opfer sein.

Verteidiger Dr. Seyed Shahram Iranbomy hatte in seinem Plädoyer von einer »Talibanisierung der Verhandlung« gesprochen. Das Gericht sei mit dem kulturellen Hintergrund des Falles nicht vertraut gewesen. Das Opfer sei die Tochter eines »afghanischen Staatssicherheitsbeamten der höchsten Stufe«. Sie habe den Angeklagten bewusst »instrumentalisiert«, um Vorteile für ihr eigenes Asylverfahren herauszuschlagen. Durch diesen Prozess sei sie vor einem Abschiebeverfahren geschützt. Er und sein Kollege Marcel Arnal hatten auf eine Geldstrafe für ihren Mandanten plädiert. Beide kündigten an, Revision einzulegen. Von einer »Talibanisierung« könne keine Rede sein, unterstrich Wellenkötter. Da das Opfer das Stichwort Taliban genannt habe, habe es auch zu diesem Punkt Nachfragen gegeben. Mehr nicht.

Das Verfahren gegen einen 45-jährigen Mitangeklagten wegen Beihilfe war gegen eine Zahlung von 2000 Euro eingestellt worden. Ein 21-jähriger Mittäter war nicht vor Gericht erschienen.

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