07. Juni 2018, 06:00 Uhr

Verfassungsfeindlich?

Verdacht gegen Islamische Gemeinde Gießen erhärtet

Seit Monaten besteht der Verdacht, dass die Islamische Gemeinde Gießen Teil des Netzwerks der als verfassungsfeindlich eingestuften Muslimbrüder ist. Dieser Verdacht hat sich nun erhärtet.
07. Juni 2018, 06:00 Uhr

Schon 20 Minuten vor Beginn liegt am Dienstagabend eine eigentümliche Spannung in der warmen und stickigen Luft vorm und im Vortragsraum der Kongresshalle. Denn nach und nach kommen sie fast alle, die in den letzten Monaten in irgendeiner Form Anteil genommen haben an der Debatte um die Islamische Gemeinde Gießen (IGG). Und die teilweise eingebunden sind in das, was als interreligiöser Dialog bezeichnet wird.

Bernd Apel, Ökumenebeauftragter des evangelischen Dekanats und entschiedener Fürsprecher der IGG, ist mit seinem Pfarrerkollegen Helmut Schütz gekommen. Zeynel Sahin, der Vorsitzende des Ausländerbeirats, ist da, ebenso die JLU-Extremismusforscherin Alexandra Kurth. Aus dem Stadtparlament sind die Fraktionschefs Klaus-Dieter Grothe (Grüne), Steffen Reichmann (AfD) und natürlich Klaus-Dieter Greilich von der gastgebenden FDP erschienen – und etliche bekannte Mitglieder der IGG selbst.

Sie warten auf den Vortrag »Islamistischer Extremismus in Mittelhessen«. Dennis Pucher, Vorsitzender des FDP-Kreisverbands, spricht in der Begrüßung von »hitzigen Wetter und einem hitzigen Thema« und baut gleich vor: »Wir fischen mit dieser Veranstaltung als FDP nicht an den politischen Rändern, wir wollen informieren.« Der FDP-Landtagsabgeordnete und Innenpolitiker Wolfgang Greilich betont: »Es geht nicht um die Muslime, sondern um Islamisten.«

Ich habe Angst vor Islamexperten

Mutaz Faysal (Islamische Gemeinde)

Dann hat die von der FDP eingeladene Sigrid Herrmann-Marschall das Wort. Die Islamismusexpertin aus Südhessen hat zur IGG recherchiert, nachdem der Hessische Verwaltungsgerichtshof im vergangenen Jahr in einem Urteil bestätigt hatte, dass die Einbürgerungsbehörde des Gießener Regierungspräsidiums einem früheren Vorsitzenden der IGG wegen dessen Kontakten ins Milieu der Muslimbruderschaft zur Recht die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert hatte. In einem Interview mit der GAZ fasste Herrmann-Marschall ihre Recherchen mit dem Satz zusammen: »Ich ordne die IGG dem Netzwerk der Muslimbruderschaft zu.«

In ihrem Vortrag macht sie klar, dass es bei ihren Belegen nicht um einige verirrte Posts und zufällig entstandene Fotos auf Facebook geht, sondern um eine jahrelange Mitarbeit führender Vertreter der IGG in Organisationen der Muslimbruderschaft, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen. Diese Beobachtung hat das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen der GAZ bestätigt und begründet. Es geht um den Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland, das Europäische Institut für Humanwissenschaften, den Fatwa-Ausschuss Deutschland oder die Islamische Gemeinschaft Deutschland.

Es gebe im Internet eine Fülle an »Eigenbekundungen« dieser Organisationen und von IGG-Vertretern wie dem bisherigen Vorsitzenden Diaa Rashid. »Die Summe und die Masse macht es aus«, sagt Herrmann-Marschall und verweist auf Fotos, die zeigen, dass Rashid und andere IGG-Vertreter die Nähe zu führenden Persönlichkeiten der Muslimbruderschaft in Deutschland und Europa wie Khaled Hanafy gesucht haben. Herrmann-Marschall: »Näher heran geht es nicht«. Dass die IGG in Gießen gleichzeitig seit Jahrzehnten ein angesehener Dialogpartner der christlichen Kirchen und der Kommunalpolitik sei, stehe dazu nicht im Widerspruch. Dies sei vielmehr typisch für die »Doppelstrategie« der Muslimbruderschaft, erklärt die Referentin. Neu ist ihre – per Internet-Screenshot belegte – Information, dass die IGG zeitweise als eines von 28 deutschen Examenszentren für die Online-Universität des aus Jamaika stammenden islamistischen Hasspredigers Bilal Philips gemeldet war. In Deutschland ist Philips mit den bekannten Salafisten Pierre Vogel aufgetreten, in einigen westlichen Ländern gilt für ihn ein Einreiseverbot.

 

Rashid nicht mehr Vorsitzender

Diejenigen im Saal, die es mit der IGG halten und die Vorwürfe in den letzten Monaten vehement bestritten hatten, halten mit ihren jahrzehntelangen persönlichen und positiven Erfahrungen dagegen. Oft fällt der Satz: »Ich habe in über 20 Jahren in der Islamischen Gemeinde nichts von dem bemerkt, was Sie hier vortragen.« Der frühere Nordstadt-Pfarrer Schütz erklärt: »Es gab nie ein Anzeichen dafür, dass in der Gemeinde die Muslimbruder-Ideologie praktiziert wird.« Ein junger Mann warnt davor, die Moscheegemeinden und die Muslime insgesamt »unter Generalverdacht zu stellen«. Pfarrer Apel und Ausländerbeirats-Vorsitzender Sahin kündigen an, dass sie zur Fortsetzung des Dialogs allgemein und speziell mit den Moscheegemeinden keine Alternative sehen.

Für die IGG wird der bisherige Vorsitzende Diaa Rashid dann wohl nicht mehr dabei sein. Im Vorfeld der FDP-Veranstaltung wird bekannt, dass er bei der Mitgliederversammlung vor zwei Wochen nicht mehr zur Wiederwahl angetreten ist, was Bernd Apel in der Veranstaltung bestätigt.

Diese Debatte ist notwendig und kann auch heilen

JLU-Politologin Alexandra Kurth

Schwer getroffen von den Ausführungen zeigt sich Mutaz Faysal, der langjährige islamische Vorsitzende der Christlich-Islamischen-Gesellschaft Gießen. Herrmann-Marschall konfrontiert ihn mit Medienberichten, wonach er vor einigen Jahren für die umstrittene Hilfsorganisation Ansaar International tätig gewesen sein soll. Faysal sagt, er kenne diese Organisation nicht und fügt – in Anspielung auf Herrmann-Marschall – hinzu: »Ich habe Angst vor Islamexperten.« Dann verlässt er den Raum, im Hinausgehen fällt der Satz: »Ich gratuliere Deutschland.« Zuspruch erfährt Herrmann-Marschall unter anderem von Unipolitologin Kurth: »Ich bin froh, dass Sie da sind. Diese Debatte ist notwendig und kann auch heilen.«

Nach zweieinhalb Stunden, die einige nicht nur aufgrund der Temperaturen sichtlich mitgenommen haben, stellt Gastgeber Wolfgang Greilich fest: »Der Abend hat die eine oder andere Klarstellung gebracht.« Nicht nur die, die die Kongresshalle verlassen, werden mit dieser Klarstellung umgehen müssen – wie auch immer.

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