23. September 2017, 14:00 Uhr

Lahn-Kapitäne

Verantwortung für 5500 Mitarbeiter

402 Millionen Euro als Budget, 5500 Mitarbeiter: Dafür trägt Universitäts-Präsident Joybrato Mukherjee Verantwortung. Für ihn ist es – trotzdem und deswegen – ein Traumjob.
23. September 2017, 14:00 Uhr
Präsident Prof. Joybrato Mukherjee vor der Professorengalerie des Senatssaals. (Foto: Schepp)

Gibt man seinen Namen ins Zeitungsarchiv ein, ist das Ergebnis außergewöhnlich ergiebig. Fast täglich ist Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen, präsent: Der 43-Jährige ist zu sehen beim Gespräch mit Politikern, Wissenschaftlern, Studenten. Bei internationalen Kongressen und Symposien in aller Welt, beim Spatenstich oder bei Scheckübergaben zu Hause in Gießen. Der Uni-Präsident ist eine ebenso öffentliche wie wichtige Person und einer der bekanntesten Gießener. Er steuert, um im Bild unseres Serien-Titels zu bleiben, ein großes Schiff durch eine kleine Stadt. 5500 Mitarbeiter, 402 Millionen Euro Budget. Mit welcher Art Kapitän haben wir es bei Joybrato Mukherjee zu tun?

Er ist extrem strukturiert

Sein Büro ist sehr groß und sehr aufgeräumt. Keine Aktenberge, kein Chaos, alles hat seinen Platz. Der Chef ist extrem strukturiert, sagen Mitarbeiter. Als der Linguist mit 29 Jahren auf eine Professur am Institut für Anglistik berufen wurde, ahnte er natürlich nicht, dass er erstens so lange in Gießen bleiben und zweitens eine so steile Karriere außerhalb seiner Profession machen würde. Schließlich war es noch nicht lange her, dass er seinen ursprünglichen Berufswunsch, Lehrer zu werden, verworfen hatte. Schüler ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, ihre Entwicklung mitzuerleben, das sei eine großartige Herausforderung. Manchmal bedauert er es, diese Nähe zu Jugendlichen in seinem Job nicht zu erleben, erzählt Mukherjee. Andererseits gibt es unendlich viel, was dieses leise Bedauern aufwiegt. Der nach wie vor enge Kontakt zu seinem Fachbereich, die Chance, zu gestalten, der Austausch mit Politikern und Wissenschaftlern im In- und Ausland – nicht nur als Uni-Präsident, sondern auch als Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der weltweit größten Förderorganisation für den internationalen Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern.

Er war der jüngste Uni-Chef

2009 ist Mukherjee zum Präsidenten gewählt worden, zuvor war er bereits als Stellvertreter tätig. Bundesweit wurde damals sein Alter hervorgehoben, mit 36 Jahren war er Deutschlands jüngster Präsident. Wie hat er das empfunden? Hat es ihn gefreut oder genervt? Mukherjee überlegt einen Moment, der Blick scheint sich für Sekunden nach innen zu richten. Er nimmt sich Zeit für die Antworten. Immer wieder entstehen in unserem Gespräch kleine Pausen. Mukherjee ist ein ruhiger, selbstreflektierter Mann mit leiser Stimme. Er ist es gewohnt, dass man ihm zuhört, er hört aber auch selbst genau hin. »Es hat mich erstaunt, dass statt des Migrationshintergrundes das Alter thematisiert wurde«, sagt er. Mukherjees Familie stammt aus Indien, er selbst ist im Rheinland aufgewachsen, was man noch immer ein bisschen hört. Ein Nachteil sei sein »exotisches Aussehen«, für ihn nie gewesen – vielleicht in der akademischen Welt sogar ein Vorteil, das sei schwer zu sagen.

Er ist gelassener als früher

Mittlerweile ist der Unipräsident in der Mitte seiner zweiten Amtszeit angekommen. In den Gremien der Hochschule hat er es mit einer komplizierten Gemengelage zu tun. Besitzstandswahrung, Hierarchien, Machtansprüche, Eitelkeiten, all das spielt eine Rolle und will erkannt und kanalisiert werden. Ein schwieriger Job. »Absolut«, bestätigt Mukherjee. »Aber man darf nie vergessen, dass niemand frei ist von diesen Dingen, ich natürlich auch nicht«. Hilfreich für ihn seien seine engsten Mitarbeiter, die immer wieder auch einen kritischen Resonanzboden für ihn darstellten.

Betrachte er seine Amtsführung, so beobachte er auf der einen Seite eine größere Gelassenheit als früher: Bombenentschärfung, Stromausfall, langwierige Baustellen und andere »Alltagskatastrophen« betrachte er deutlich entspannter. »Dank der Erfahrung bringt mich so etwas nicht mehr aus der Fassung«.

Er ist zielstrebig

Anders sehe das bei Entscheidungsprozessen aus. »Ich verspüre eine größere Ungeduld«. Wenn es darum gehe, Projekte und Finanzierungen zu sichern und die Hochschule weiter voranzubringen, könne man nicht zuvor jahrelang diskutieren. »Die da draußen warten nicht auf uns«, sagt Mukherjee. Man brauche Visionen und Kompetenzen, aber auch Entschlusskraft und den Mut, zügig zu entscheiden. Das Tempo habe nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Wissenschafts- und Hochschulbetrieb deutlich angezogen. Regionale Verbundbildung und Internationalisierung sind dabei Stichworte – sie wurden unter Mukherjee zielstrebig fortgeschrieben. Größere Ungeduld attestiert er sich aber auch im Alltagsgeschäft. Der Präsident erwartet, dass der Laden läuft und hat dabei hohe Ansprüche. Mukherjee selbst arbeitet schnell und effizient und fordert das auch von seinen Mitarbeitern.

Er schätzt Eigenverantwortung

Er schätzt Professionalität und Eigenverantwortung, gleichzeitig legt er Wert auf Kritikfähigkeit. »Kritik ist keine persönliche Geringschätzung, aber viele nehmen sie so wahr«, weiß er. Dass zum Tadel auch das Lob gehört, weiß er ebenfalls, er denkt aber zu selten daran. »Ein Fehler«, räumt der 43-Jährige ein. Mukherjee erwartet, stets über alle Vorgänge im Uni-Kosmos informiert zu werden. »Das geht nicht anders, denn ich trage die Verantwortung, wenn etwas schief läuft«. Da erübrigt sich auch die Frage, ob er zu Hause, im Urlaub oder an den Wochenenden auch mal offline ist. »Natürlich nicht«.

Mukherjees Leidenschaft gilt der Linguistik, nach wir vor hat er seine Professur inne, fühlt sich dem Institut eng verbunden und ist stolz auf die dortigen Leistungen. »Da rücken großartige Wissenschaftler nach, darüber freue ich mich sehr«, sagt er, und für einen Augenblick schwingt in der Begeisterung auch ein wenig Bedauern mit, sich selbst der Forschung derzeit nicht widmen zu können. Grund zur Klage gibt es dennoch nicht, schließlich hat er einen Traumjob gegen einen anderen getauscht.

Er liebt Gießen

Obwohl Mukherjee in der Vergangenheit Rufe unter anderem nach Zürich und Salzburg erhielt, blieb er in Gießen. Und immer wieder kommt die Frage: Warum denn bloß? »Weil ich Gießen sehr schätze. Die Stadt ist urban und praktisch, sie hat durch Uni und THM eine junge Szene, sie ist extrem weltoffen«. Gießen profitiere von den Vorteilen einer Metropolregion, ohne mit den Nachteilen leben zu müssen. Die Bürger hätten allen Grund zur selbstbewussten Wertschätzung, zur ständigen »Selbstverzwergung« bestehe kein Anlass. »Das war ja jetzt fast eine Liebeserklärung«, sagt Mukherjee und staunt selbst ein bisschen.

Eine Liebeserklärung gilt auch dem Umland. Die Wetterau und den Vogelsberg hat der Präsident in den vergangenen Jahren als reizvolle Wanderregionen erlebt. Wandern ist neben Joggen für den 43-Jährigen eine angenehme Art der Entspannung. »Beides hat für mich etwas Meditatives. Neben Tauchen (»Leider nur noch selten«) gehört auch das Eintauchen in die Literatur zu den Dingen, die er sehr mag. Aktuell liegt ein Roman seines Namensvetters Neel Mukherjee auf dem Nachttisch. Es handelt vom Untergang einer Unternehmerfamilie in Kalkutta und spiegelt die Dekadenz einer Gesellschaft, die auf Kosten der Ärmsten lebt. Eine geradezu ideale Lektüre für einen sozialdemokratischen Manager mit indischen Wurzeln, der unermüdlich für Bildung und Chancengleichheit wirbt.

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  • Justus-Liebig-Universität Gießen
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