12. Februar 2014, 21:58 Uhr

Uniklinikum: Kunstfehler infolge der Privatisierung?

Gießen (si). Einem Bericht des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« zum Universitätsklinikum Gießen und Marburg scheint es an journalistischer Sorgfalt zu fehlen.
12. Februar 2014, 21:58 Uhr
(Foto: Red)

Eine Frau verblutet fast, weil ihr bei einer Katheter-Untersuchung eine Hirnarterie verletzt worden ist. Bei einem Notfallpatienten übersehen Klinikumsärzte, dass seine Bauchschlagader vom Herzen bis zur rechten Leiste gerissen ist. Bei einer weiteren Frau, die mit starken Schmerzen eingeliefert wird, halten sie angeblich nicht einmal eine Ultraschallaufnahme für nötig. Erst ihre Hausärztin erkennt das »potenziell tödliche« Aneurysma in ihrer Bauchaorta.

Es sind drei Fälle, über die der »Spiegel« in seiner aktuellen Ausgabe berichtet – mit dem Fazit, dass sich ein »Verdacht« erhärte: »Die Renditefixierung des Eigentümers geht auch zulasten der Patienten.« Zugespitzt gesagt: Die Privatisierung des Uniklinikums Gießen und Marburg könnte schuld daran sein, dass es dort mehr Kunstfehler gibt und Patienten falsch oder gar nicht behandelt werden und deshalb vielleicht sogar sterben.

Es sind harte Vorwürfe – auf die die Klinikumsgeschäftsführung mit einer Rundmail an die 9500 Beschäftigten reagiert hat. Im Kern geht es dabei um die Frage, was saubere journalistische Arbeit ist. Damit scheinen die Spiegel-Mitarbeiter aus Klinikumssicht überfordert zu sein. Sie hätten der Geschäftsführung in der letzten Woche zwar einen ausführlichen schriftlichen Fragenkatalog vorgelegt, heißt es in ihrem Schreiben an die Beschäftigten (die Fragen und Antworten sind dort angehängt). Ausgerechnet die drei Patientenfälle, die im Mittelpunkt des Magazin-Berichts stehen und die Emotionen schüren, seien in der Spiegel-Anfrage jedoch nicht einmal erwähnt worden. »Also konnten wir dazu auch keine Stellung beziehen«, heißt es in dem Brief an die Mitarbeiter.

Das Magazin bezieht sich auf Aussagen eines Anwalts, der zwölf Patienten des Klinikums in medizinrechtlichen Fragen vertritt und der laut Spiegel »glaubt«, dass sich die Fälle seit der Privatisierung häufen. Oder auf die Angaben einer Patienten, die es »so empfunden« habe, dass man sich im Klinikum »nicht allzu lange« habe mit ihr beschäftigten wollen. Dass es seit der Privatisierung mehr ärztliche Kunstfehler geben soll, durfte die Klinikumsgeschäftsführung im Spiegel zwar zurückweisen. »Nicht haltbar und durch Zahlen nicht zu belegen« – viel mehr lässt das Magazin die Geschäftsführung aber nicht sagen. Kein Wunder. Die Einzelfälle waren ihr ja gar nicht bekannt.

Vorwürfe nicht neu

Die übrigen Aussagen im Text sind nicht neu, GAZ-Leser kennen vieles aus den Berichten der letzten Jahre. Unter anderem geht es um die Überlastungsanzeigen, die von den Stationen gemeldet werden (»Medikamente konnten nicht zeitgerecht verabreicht werden«). Dass es solche Missstände gab und gibt, ist unbestritten. Beschäftigte und Betriebsräte haben darauf immer wieder hingewiesen, auch auf Betriebsversammlungen war das oft ein Thema. Gleiches gilt für den »Sanierungsstau«, zu dem das Magazin etliche Beispiele aufführt (»auf Station 8 keine Möglichkeit zur Absonderung infektologisch besonderer Patienten«). Der Spiegel folgert: »Dass Forderungen nicht erfüllt werden, scheint bei der Rhön-Gruppe zum Geschäftsprinzip zu gehören.«

»Einseitig« sei das, heißt es im Geschäftsführungsbrief. Niemand bestreite, dass die Standorte Gießen und Marburg weitere Finanzmittel benötigten. Dass der Konzern seit 2006 am Uniklinikum rund 550 Millionen Euro investiert habe, werde im Spiegel jedoch nicht einmal erwähnt, ärgert sich die Leitung des Hauses. In ihrem Schreiben betont sie zudem, dass jeder Überlastungsanzeige nachgegangen werde – auch davon erfahren die Leser nichts.

Keine echten Belege nennt der Bericht für den Vorwurf, dass sich das Klinikum auf wirtschaftlich lukrative Behandlungen konzentriere – etwa bei der künstlichen Beatmung von Intensivpatienten. Die bringt zwar grundsätzlich tatsächlich viel Geld. Als »Zeugin« taucht jedoch lediglich eine Krankenschwester auf, die beobachtet haben will, dass solche Patienten »stetig« länger beatmet werden. Teilweise auch »länger als nötig«. Mehr bietet der Spiegel hier nicht.

Laut Geschäftsleitung gab es auch in der Mitarbeitervertretung Kritik am Bericht. Sie zitiert ein (namentlich nicht genanntes) »Personalratsmitglied aus Marburg«, das sich gemeldet habe. Zitat aus dessen Brief: »Die Tatsache, dass der Spiegel ein Schreiben des Gremiums ohne sein Wissen oder Einverständnis abdruckt und in einem konstruierten Zusammenhang darstellt, wird der Sache nicht gerecht und schädigt das von uns geschätzte Vertrauen der Patienten in unsere medizinische Versorgung.«

Breite Mehrheit lehnt Fusion der Fachbereiche ab Uniklinikum wehrt sich Privatisierung bestätigt »Privatisierung des Klinikums ist gescheitert«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Behandlungsfehler
  • Der Spiegel
  • Journalismus
  • Privatisierung
  • Universitätsklinikum Gießen und Marburg
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.