28. Oktober 2017, 09:00 Uhr

Tierversuche

Uni: Tierversuche noch unverzichtbar

Forschung und Lehre kommen auch in Zukunft wohl nicht ganz ohne Tierversuche aus. Ersetzen, verfeinern und reduzieren ist das Ziel des 3-R-Zentrums, das an der JLU seine Arbeit aufgenommen hat.
28. Oktober 2017, 09:00 Uhr
Die Zukunft liegt »in silico«: Professor Peter Jedlicka arbeitet mit neuen computerbasierten Verfahren. (Foto: Schepp)

Von der kleinen roten Kugel gehen zahlreiche feine Verbindungen ab. Was auf dem Bildschirm aussieht wie ein stilisierter Ast, ist eine Körnerzelle mit ihren Fortsätzen. Was passiert genau im Hirnareal Hippocampus, welche Wechselwirkungen gehen die Nerven im gesunden und welche im kranken Zustand ein? Am Computer simuliert Prof. Peter Jedlicka die Ausbreitung elektronischer Signale.
»Mit Hilfe dieser Methoden kann man beliebige Kombinationen von Parametern ändern und ihre Effekte berechnen. Das ginge sonst nur mit einer großen Zahl von Experimenten und mit großem Verbrauch von Zellen«, erklärt der neue Inhaber der Professur für »Computerbasiertes Modelling im 3-R-Tierschutz« am Fachbereich Medizin. Sein Spezialgebiet ist Lernen und Lernverhalten innerhalb dieser molekularen Prozesse. Je mehr man darüber wisse, desto besser könnten Krankheiten wie Alzheimer oder Epilepsie ergründet werden.

Wissenschaftler arbeiten mit unterschiedlichen Versuchen: in vivo, in vitro und in silico. Das bedeutet: Im lebenden Organismus, außerhalb des Organismus (im Glas) und am Computer. Neue Computerverfahren werden die Forschung revolutionieren, weil sie besser als alle anderen Methoden in der Lage sind, die komplexen Strukturen der Natur nachzuvollziehen. Außerdem dienen sie letztlich dazu, die Zahl der benötigten »echten« Zellen deutlich zu verringern.

 

3 R: Replace, Reduce, Refine

 

Das 3-R-Zentrum ist Teil einer Landesstrategie, mit der Hessen den Tierschutz in der Forschung nachhaltig stärken will, hatte Wissenschaftsminister Boris Rhein zur Eröffnung erklärt. So seien sowohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen an die Belange des Tierschutzes in der Forschung angepasst als auch Fördergelder in Höhe von 2,4 Millionen Euro für fünf Jahre für die Einrichtung von zwei Professuren für 3R-Tierschutz an den Medizin führenden Universitäten in Frankfurt und Gießen sowie für die Anschubfinanzierung des 3-R-Zentrums in Gießen bereitgestellt worden..

Inhaberin der am Fachbereich Veterinärmedizin angesiedelten Professur für Tierschutz und Versuchstierkunde mit dem Schwerpunkt Refinement nach dem 3R-Prinzip ist die Tierärztin Dr. Stephanie Krämer. Sie richtet ihren Fokus auf die Verfeinerung von notwendigen Tierversuchen, also darauf, die Belastungen für Versuchstiere so weit wie möglich zu reduzieren. »Unser Ziel ist es natürlich, langfristig ohne Tierversuche auszukommen. Solange aber noch nicht ausschließlich auf geeignete Ersatzmethoden zugegriffen werden kann, ist es aus ethischer Sicht notwendig, die Forschung zum Refinement zu intensivieren«, betont Krämer. Sie möchte Konzepte entwickeln, die es ermöglichen, die Belastungen in Tierversuchen einzuschätzen. Eine gute Ausbildung der Personen, die mit Versuchstieren arbeiten, sei dazu essenziell.

Tierrechtsgruppe widerspricht

»Die JLU ist sich ihrer besonderen Verantwortung als Universität mit einem großen tiermedizinischen Fachbereich, zu dem stets auch eine Tierschutzprofessur gehörte, bewusst«, betont auch JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee. Und Prof. Martin Kramer, Dekan des Fachbereichs Veterinärmedizin der JLU, ergänzt: »Solange das komplexe Zusammenspiel eines Organismus nicht in vitro oder digital dargestellt werden kann, ist ein gänzlicher Verzicht auf Tierversuche noch nicht vollständig absehbar«. Damit stehe gerade die Veterinärmedizin in der Verantwortung, die Belastungen der Versuchstiere auf ein Minimum zu reduzieren.

Kritik an der Einrichtung des 3-R-Zentrums übt die Tierrechtsgruppe Gießen. Dadurch werde Tierleid nicht beendet, es gebe keine prinzipielle Abkehr vom Tierversuch. Die Gruppe, die der Hochschulleitung im Mai eine Petition mit 5000 Unterschriften gegen Tierversuche überreicht hatte, beklagt, dass die Uni einer Diskussion aus dem Weg gehe. Die Einladung zu einer Podiumsdiskussion sei wiederholt unbeantwortet geblieben. »Das Thema ist aus unserer Sicht zu vielschichtig für eine von Tierversuchsgegnern initiierte Diskussionsveranstaltung, die ganz offensichtlich auf eine schlichte Konfrontation von Pro- und Contra-Positionen abzielt«, sagt dazu Pressesprecherin Lisa Dittrich. Die JLU stehe daher für ein solches Vorhaben nicht zur Verfügung.

Die Erfahrungen in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass gerade bei diesem Thema ein konstruktiver und an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierter Dialog mit bestimmten Gruppierungen von Tierversuchsgegnern nicht möglich ist.

Zusatzinfo

Demo am Samstag

An diesem Samstag wird die Tierrechtsgruppe Gießen mit Unterstützung weiterer Organisationen gegen die Tierversuche der Justus-Liebig-Universität demonstrieren. Als Gastrednerin wird Dr. Corina Gericke, stellvertretende Geschäftsführerin der Ärzte gegen Tierversuche und ehemalige Studentin der JLU, auf tierfreie Forschungsmethoden eingehen. Die Kundgebung findet um 11 Uhr in der Löwengasse/Ecke Seltersweg statt. Die Demonstration startet um 13 Uhr.

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