10. September 2018, 21:56 Uhr

Ungeahnte Gemeinsamkeiten

10. September 2018, 21:56 Uhr
Georg Kempa (l.) ist professioneller Flamencogitarrist, Uwe Neumann Schauspieler und Hörspielsprecher. (Foto: pm)

Uwe Neumann ist Schauspieler, Georg Kempa Flamencogitarrist. Da vermutet man nicht unbedingt allzu viele gemeinsame Interessen. Auch käme wohl niemand ohne Weiteres auf die Idee, Balladen und Fabeln von Schiller, Goethe, Fontane oder Mörike mit dem leidenschaftlichen Sound aus Andalusien in Verbindung zu bringen. Doch weit gefehlt: Es gibt ungeahnte Gemeinsamkeiten und die konnten Besucher der ersten Veranstaltung des Literarischen Zentrums nach der Sommerpause am Samstagabend im Alten Schloss erleben. Nach zwei Stunden Programm waren sich die rund 70 Besucher sicher: Hier wurde mit hoher Kunst zusammengeführt, was auch auf den zweiten Blick zusammenpasst. Hätte Goethe geahnt, wie gut Flamenco und Kreuzreim harmonieren, er hätte vielleicht seine italienische Reise auf die iberische Halbinsel umgelenkt.

Es brüllt, gurrt und jammert, wenn Uwe Neumann Balladen wie Friedrich Schillers »Der Handschuh« oder Johann Wolfgang von Goethes »Der Zauberlehrling« rezitiert. »Zu viel Schiller kann man nicht machen, sonst ist der Erregungszustand auf Dauer zu hoch«, lässt der Schauspieler sein Publikum wissen und streut Heinrich Heines nachdenkliche Verse zur »Waldeinsamkeit« oder Theodor Fontanes Ballade über »Die Brücke am Tay« ein, in der im »technikbesoffenen 19. Jahrhundert« eine einstürzende Brücke zeigte, dass es in Wirklichkeit nur »Tand« ist, »dieses Gebilde von Menschenhand«. Neumann liefert Hintergrundinformationen, plaudert aus dem Balladensommer des Jahres 1797, in dem Schiller und Goethe zusammenfanden, und erinnert daran, dass Heinrich Heine sich kaum noch bewegen konnte, als er um 1850 in »Waldeinsamkeit« von Nixen und Waldwesen im munteren Reigen schwärmte.

In Schillers Ballade vom »Taucher«, der einen goldenen Becher aus dem Meer hervorholt, sich aber zu keinem zweiten Versuch überreden lässt, heißt es: »Wie wenn Wasser und Feuer sich mischt.« So ähnlich ist es auch, wenn sich die Rezitierkunst Neumanns, der auch als Sprecher im Hörfunk und für Hörbuchverlage tätig ist, mit dem Gitarrenspiel Georg Kempas verbindet. Es treffen zwei Urgewalten aufeinander. Mal gibt die Gitarre den Rhythmus für die Sprache vor. Mal bleibt die Musik im Hintergrund, unterstreicht lautmalerisch die kunstvollen Verse. Dann wieder sorgen kurze Zwischenspiele für Entspannung zwischen Balladen-»Blockbustern« wie »Die Bürgschaft« oder Jean de la Fontaines Fabel »Der Frosch und der Ochse«.

Kempa arbeitet seit über 30 Jahren als professioneller Flamencogitarrist mit verschiedenen Flamencokünstlern. Neumann stand auf Theaterbühnen in Berlin, Potsdam, Hamburg, Heidelberg und Luxemburg. Gemeinsam gestalten sie einen beeindruckenden Abend, der mit »goethebluesigem Morgenklagen« seinen Abschluss findet und an dem sogar aus der ersten Zuschauerreihe Blumen zum Dank geworfen werden. »Ich bin begeistert von Ihrer Kunst«, hört man in der Pause eine Zuschauerin im Gespräch mit den Künstlern schwärmen – ein Lob, das nach diesem ungewöhnlichen Abend alle im Saal ohne Einschränkung teilen.

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