10. Juli 2018, 11:00 Uhr

Manisch verstehen

Ulai und mehr

10. Juli 2018, 11:00 Uhr
Ulai T-Shirt Manisch (sgl)

Nicht viele Gießener pukken manisch. Aber es gibt immer mehr Leute, die den Soziodialekt aus den Gießener Randbezirken als lokalpatriotisches Statement verstehen. Der Kulturwissenschaftler Mario Alves hat sich in seiner Masterarbeit mit diesem Phänomen auseinandergesetzt.
Sie haben in Ihrer Masterarbeit den Einzug des Manischen in die Populärkultur untersucht. Wie kamen Sie darauf?
Mario Alves: Nachdem ich über drei Jahre in Wien verbracht habe, kam ich in meine Heimat zurück und sah überall in der Gießener Innenstadt Menschen, die Schriftzüge aus dem  »Manischen« trugen. Da ich einige Ausdrücke dieser Sondersprache kenne, aber sonst kaum etwas über die Kultur oder Sprache, wollte ich mehr erfahren. Es wurde schnell deutlich, dass es nur eine Doktorarbeit von Hans-Günter Lerch aus den 60ern zu diesem Thema gab, was mich fassungslos machte. Ich konnte nicht begreifen, wieso sich niemand in den letzten 50 Jahren mit diesem Feld wissenschaftlich auseinandergesetzt hat. So wurde mir klar, dass ich meinen Beitrag dazu leisten wollte. Ich schaute mir die Kulturhistorie von den Anfängen der Sondersprache bis zu seinen heutigen Erscheinungsformen an.
Was ist das Ergebnis? Sind die Gießener stolz auf Tschabo und Co.?
Alves: Stolz impliziert eine erbrachte Eigenleistung, was aber hier etwas zu weit gegriffen ist. Es ist kein Geheimnis, wie Gießen mit den Menschen des ambulanten Gewerbes und den Nicht-Sesshaften – den Jenischen – über die Jahrhunderte umgegangen ist. Alles, was nicht der bürgerlichen Norm entsprach, wurde unterdrückt. Nicht umsonst hat die Sondersprache eine Schutzfunktion inne. Jetzt von Stolz zu reden, ohne jegliche Aufarbeitung der Geschichte, wäre eine Farce. Stolz können zuallererst all jene sein, die etwas für die Bewahrung der Kultur und der Sprache des »Manischen« getan haben – und zwar mit sehr wenig Unterstützung von außen. Stolz können die Menschen von Margaretenhütte, Eulenkopf und Weststadt sein, die sich nie unterkriegen lassen haben, obwohl alles dafür getan wurde. Dank all dieser engagierten Menschen wird das »Manische« nicht mehr so stark als »Asoziales« abgetan und ist einem integrativem Charakter gewichen. Die Gießener sehen das »Manische« nun als Teil von Gießen und zeigen das auch gerne. Aber erst wenn Menschen, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden, sagen können, dass sie einen »manischen« Hintergrund haben, wird dieser integrative Prozess abgeschlossen sein oder von etwas Neuem abgelöst werden.
Auf vielen Kleidungsstücken ist das Wort »Ulai« zu lesen, es dürfte das meistgenutzte manische Wort sein. Wo kommt es her?
Alves: Zwar habe ich mich mit der Sondersprachenforschung intensiv auseinandersetzen müssen, dennoch bin ich kein Linguist und beziehe mich bei fast allen Ausführungen auf das Kulturhistorische des »Manischen« – denn die Sondersprache wurde schon ziemlich gut von Dr. Lerch lexikalisch erfasst. Ich konnte in meinen Recherchen jedoch keinerlei Anhaltspunkte für den Ursprung des Wortes »ulai« finden, was ja auch nicht Thema meiner Arbeit war. Auch Dr. Lerch konnte mir nach Rücksprache dahingehend keine zufriedenstellende Antwort geben. Ich würde mich natürlich sehr darüber freuen, wenn jemand diesem Geheimnis auf die Spur kommt.
 KURZBIOGRAFIE
Mario Alves (36) ist in Lich geboren und aufgewachsen. Nach seinem Bachelorstudium der Vergleichenden Kultur- und Religionswissenschaften ging er für drei Jahre nach Wien, wo er zunächst eine Fiaker-Ausbildung abschloss und für über zwei Jahre im Österreichischen Filmmuseum arbeitete. Für ein Masterstudium der Kultur- und Sozialanthropologie zog es ihn aber wieder in seine alte Heimat. Heute engagiert er sich für das Stadtlabor Gießen mit seinem Projekt »Gießen in bewegten Bildern«, für das Kunst- und Kulturfestival Giennale, raumstation3539 und ist nebenbei im soziokulturellen Zentrum Kino Traumstern tätig.  (chh/Foto: pv)

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