16. März 2018, 21:01 Uhr

Trauriger Anlass – großer Beifall

Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Nazidiktatur sind in der Regel still. Beim Gedenken für die 14 in Auschwitz ermordeten Sinti und Jenischen aus Gießen brandete immer wieder lauter und verdienter Beifall auf. Er galt den beeindruckenden Auftritten von Schülern aus Gießen und Lollar.
16. März 2018, 21:01 Uhr
Schüler/innen der »Ricarda« zeigen bei der Gedenkstunde Szenen aus »Der Zigeuner gewinnt nicht«. (Fotos: mö)

Ein verdunkelter Raum, die Titelmelodie von »Rocky«, ein Schattenboxer – so startet das Theaterstück »Der Zigeuner gewinnt nicht!«. Die Schüler der zwölften Klasse der Ricarda-Huch-Schule hatten im Unterrichtsfach Darstellendes Spiel das Stück über den Boxer Johann Trollmann erarbeitet. Trollmann war Sinto, starb 1943 im Konzentrationslager Neuengamme. Im Hermann-Levi-Saal zeigten sie am frühen Freitagabend bei der Gedenkstunde des Magistrats für die aus Gießen deportierten Sinti und Jenischen einige Ausschnitte und beeindruckten die gut 100 Anwesenden. Ihr Lehrer Michael Meyer sprach stolz von »kultureller Bildung par excellence«.

Seit einigen Jahren führt der Magistrat diese Gedenkstunde durch, am Freitag war sie besonders, denn genau 75 Jahre ist es her, dass 14 Angehörige dieser »vergessenen Opfergruppe« von Gießen aus verschleppt wurden, sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Auch und vor allem in Erinnerung an die KZ-Überlebende und Gießener Sintezza Anna Mettbach werde die Stadt diese »wunderbare Tradition« des Gedenkens weiterpflegen. »Sie wurden genauso erbarmungslos verfolgt wie die Juden«, sagte Grabe-Bolz. Für den hessischen Landesverband der Sinti und Roma stellte Rinaldo Strauß fest: »Bis heute haben viele Menschen gängige Zigeunerbilder vor Augen und übertragen sie auf Sinti und Roma.«

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte am Donnerstag im Rahmen eines Wettbewerbs für Schüler aus Stadt und Landkreis, die sich dem Thema Sinti, Roma und Jenische gewidmet hatten, eine Präsentation stattgefunden. Dabei war auch das Stück »Der Zigeuner gewinnt nicht« aufgeführt worden. Die Jury, die das Theaterstück auf den mit 500 Euro dotierten 1. Platz setzte, sprach von einem »ästhetischen Hochgenuss« und einer perfekten Inszenierung. »Wir haben die letzten drei Szenen selbst konzipiert und auch die Musik selbst ausgesucht«, berichteten die Schauspielerinnen Michelle Schmidt und Selin Yilzid. Den zweiten Platz belegte die Theodor-Litt-Schule. Sie stellte eine Szenencollage zum Thema »Vorurteile und Ausgrenzung« vor. Die Darstellung drehte sich um die Aussage: »Wer bist Du? Ein Mensch. Was willst Du? Leben«. Beteiligt waren Schüler aus verschiedenen Klassen und Schulformen.

Eine Straße für Anna Mettbach

Der Beitrag auf dem dritten Platz kam von der Liebigschule. Er wurde von Schülern der zehnten Klasse im Wahlkurs Journalistisches Schreiben erarbeitet. Sie präsentierten drei Stellwände zum Thema: »Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist«. Das Projekt befasste sich mit Anna Mettbach, der 2015 verstorbenen Holocaust-Überlebenden. Die Schüler sammeln Unterschriften, um einen Bürgerantrag zu stellen und eine Straße in Gießen nach Mettbach zu benennen.

Die Clemens-Brentano-Europaschule Lollar erreichte den vierten Platz. Im Kunst-Leistungskurs hatten Schüler der zwölften und dreizehnten Klasse Plakate gestaltet. Eines war betitelt mit »We are all Roma«. Kilian Ortweil, der in Vertretung seiner Mitschüler sprach, erklärte, dass die Plakate noch an anderen Orten ausgestellt werden sollen. Weiterhin hatte die Klasse eine Videoinstallation mit einer Denkaufgabe vorbereitet.

Die Jury, bestehend aus Rinaldo Strauß, Waltraud Burger (Leiterin VHS Gießen), Annette Sander (Schulamt), Heidrun Helwig (Journalistin) und Rita Rohrbach (Historikerin) hatten keine leichte Aufgabe. Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser dankte allen Beteiligten. In Zusammenarbeit mit Michael Meyer hatte die Stadträtin die Veranstaltung organisiert.

Die Gedenkstunde am Freitag endete mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal für die Naziopfer vor dem Rathaus. Hans-Joachim Wahl und Bernd Apel sprachen für die katholische und evangelische Kirche Gebete.

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