11. Februar 2019, 09:41 Uhr

Große Mängelliste

Tohuwabohu am Gießener Lahntower

Der Wohnturm Lahntower gilt als Prestigeobjekt der Gesellschaft für Handel und Immobilien aus Linden (GHI). Doch beim Bau hat es Probleme gegeben. Es existiert eine große Mängelliste.
11. Februar 2019, 09:41 Uhr
Im Lahntower ist gut ein Jahr nach dem Einzug der Bewohner erst eine Wohnung komplett bezahlt. (Foto: Schepp)

Auf der Homepage der Gesellschaft für Handel und Immobilien (GHI) ist der Gießener Lahntower als erfolgreiches Projekt aufgeführt. Das auffallende Gebäude zwischen Westanlage und Lahn mit Infinity-Pool auf dem Dach sei »architektonisch hochwertig« und biete einen »grandiosen Blick«, das »stilvolle Wohnensemble« sei eine »perfekte Synergie aus Ästhetik, Effizienz, Luxus und Harmonie«. Kurz: »Ein Traum von Haus«. Von der Hand zu weisen ist das natürlich nicht. Der Lahntower ist außergewöhnlich und sowohl für Stadt als auch für die Lindener Firma GHI mit Gesellschafter Jörg Fischer an der Spitze ein Prestigeobjekt. Nicht ohne Grund gab sich u.a. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz beim Richtfest die Ehre. Hinter den Kulissen des im Frühjahr 2018 mit rund neunmonatiger Verspätung fertiggestellten Wohnhauses ist allerdings ein heftiger Streit entbrannt. »Es ist ein Albtraum«, sagt ein Käufer. Er möchte anonym bleiben. Der Ton ist rau. Anwälte und Gutachter sind eingeschaltet.

Mehr als 50 Punkte auf Mängelliste

Die Mängelliste des Sieben-Millionen-Projekts ist lang. Nach Informationen dieser Zeitung sind weit mehr als 50 Punkte aufgeführt – zum Teil gravierende. Fischer und der externe Projektsteuerer Jens Wagner, der sich bei GHI seit etwa einem Jahr exklusiv um den Lahntower kümmert, wollten im Gespräch keine Zahlen nennen. Klar ist mittlerweile, dass der Lahntower erneut eingerüstet und komplett neu gestrichen werden muss. Beim Abbau des Gerüstes sind erhebliche Schäden am Putz entstanden, die auch von Weitem sichtbar sind. Laut GHI läuft ein Beweissicherungsverfahren, das die Behebung in die Länge zieht. Gerüstbauer oder Maler werden für die Schäden aufkommen müssen. Ob auch die Blechfassade im oberen Teil des Hauses erneuert werden muss, klären derzeit Gutachter. Das Schwimmbad auf dem Dach wurde nach Unstimmigkeiten in Sachen Brüstungshöhe erst im vergangenen Spätsommer freigegeben, nach kurzer Zeit aber wieder gesperrt, da die schwere Abdeckung bei einem Unwetter beinahe vom Dach geweht worden war. Das hätte zu einer Katastrophe führen können. In der Summe haben die Mängel jedenfalls dazu geführt, dass bisher erst eine der 16 Wohnungen im Lahntower von den Käufern komplett bezahlt worden ist. Dem Vernehmen nach sollen etwa 900 000 Euro ausstehen. GHI wollte diese Summe auf Anfrage weder dementieren noch bestätigen.

Dass es zu Problemen, vor allen Dingen in der Kommunikation mit den anspruchsvollen Kunden, gekommen ist, räumen Fischer und Wagner aber gerne ein. »Bei jedem Bauvorhaben gibt es Mängel. Es stimmt, dass wir, die Architekten und die beteiligten Baufirmen, nicht so performt haben, wie wir uns das gewünscht haben. Deswegen gibt es diese ziemlich umfangreiche Mängelliste«, sagt Fischer. Während der Bauphase habe man zudem schlecht kommuniziert. Teilweise seien E-Mails nicht beantwortet worden. »Diesen Schuh müssen wir uns anziehen«, sagt Fischer. Man sei jetzt dabei, die Fehler, die gemacht worden sind, mit viel Aufwand zu korrigieren. In den Wohnungen seien die Mängel bereits zu 90 Prozent abgearbeitet worden, im Bereich des Gemeinschaftseigentums sei schon etwa ein Drittel der aufgeführten Mängel behoben. »Wenn es sich um tatsächliche Mängel handelt, was nicht auf jeden Punkt in der Liste zutrifft, haben wir doch ein großes Interesse, sie zu beseitigen. Es geht schließlich auch für uns um Geld und Reputation«, sagt Wagner. Den Bewohnern dauert das alles viel zu lange.

Drei von fünf Gesellschaftern wollen aussteigen

»Ich verstehe die Käufer, wundere mich aber, dass die Dinge ausgerechnet jetzt öffentlich gemacht werden, denn wir sind mit großer Sorgfalt dabei, alle Punkte abzuarbeiten. Auch mit den Gutachtern und den beteiligten Firmen, mit denen wir im Clinch liegen, sind wir auf einem guten Weg«, sagt Fischer. »Sie können mir glauben, ich will das jetzt alles schnellstmöglich und zur Zufriedenheit aller zu Ende bringen.«

Aus dem Umfeld der GHI ist zu hören, dass es wegen des Projekts an der Lahn auch intern »massiv auf die Ohren« gegeben habe. Der ehemalige Bauleiter Ulrich Weber ist seit etwa eineinhalb Jahren nicht mehr für den Lahntower zuständig. Auf Anfrage dieser Zeitung wollte sich der Bauunternehmer nicht zu den Vorgängen äußern.

Weber, Hauke Weller und Erhard Seipp – drei von fünf Gesellschaftern – wollen bei der GHI aussteigen. »Die Verträge sind geschrieben. Mit dem Lahntower hat das aber nichts zu tun«, sagt Fischer. Bei einigen der beteiligten Baufirmen sollen die Probleme beim Lahntower allerdings zu personellen Konsequenzen geführt haben. Eine Folge der Streitigkeiten ist auch der von der Eigentümergemeinschaft erzwungene Wechsel in der Hausverwaltung. Damit waren zunächst Alexander Schmandt und Fischers Sohn Dominik aus dem GHI-Firmenkomplex beauftragt, einige Käufer sahen aufgrund der Auseinandersetzung aber Interessenskonflikte.

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