13. August 2010, 16:34 Uhr

Tatort Alter Friedhof: Anne Spitzner lässt Krimi in Gießen spielen

Ist Gießen der passende Schauplatz für einen Kriminalroman? Wirft man einen Blick in »Verlorene Kinder« der Schriftstellerin Anne Spitzner, die hier geboren ist und an der Justus-Liebig-Universität Biologie studiert, dann ist diese Frage schnell beantwortet.
13. August 2010, 16:34 Uhr
In Gießen geboren: die 22-jährige Autorin Anne Spitzner. (Foto: olz)

Denn Spitzner lässt ihren Krimi, der 2009 im Verlag Schardt erschienen ist, am Alten Friedhof auf Höhe des Nahrungsbergs beginnen. Pikant: Dort wird eine nackte Leiche gefunden, die nicht nur starke Verätzungen im Genitalbereich aufweist, sondern auch zahlreiche unverdaute Zeitungsartikel im Magen hat.

Die Berichte, die auf den ersten Blick wohl nicht zusammenhängen, drehen sich um einen Jahre zurückliegenden Missbrauchsfall. Was hat der Tote – ein alteingesessener Gießener – damit zu tun? Das ist die Ausgangsfrage, der sich die ungleichen Ermittlerinnen Jana Bremer und Sandra Altholz stellen müssen. Keine leichte Aufgabe, denn diese beiden trennen Welten: Jana, die Ältere, ist erfahren und zögerlich, wogegen die 27-jährige Sandra eine eher impulsive und direkte Art hat. Ein gegensätzliches Paar, das sich jetzt zusammenraufen muss. Gerade für Sandra wird das nicht einfach, denn noch während der Ermittlungen stellt sich heraus, dass sie selbst vor Jahren Opfer eines Missbrauchs wurde. Insgesamt also ein Roman, der Spannung verspricht; doch wie kommt diese Geschichte, die den Fokus ganz in guter Krimimanier auch auf das Innenleben der Ermittler richtet, gerade nach Gießen?

»Auf meinem Schulweg bin ich regelmäßig am Alten Friedhof vorbeigekommen. Dort habe ich oft zusammengefegte Laubhaufen gesehen, und das hat mich angeregt«, erklärt Spitzner, die 2007 an der Ostschule Abitur gemacht hat und ihren Roman damit beginnen lässt, dass Arbeiter unter einem solchen Haufen ein Messer finden. Der Ort der Handlung, der, so die Autorin, sehr real sein sollte, war also schnell gefunden. Ganz anders als die Protagonisten.

»Am Anfang weiß ich oftmals nur, wer die Leiche sein wird. Alle weiteren Figuren – einschließlich des Mörders – entwickeln sich erst beim Schreiben«, erzählt die 22-jährige Schriftstellerin, die bei den Eltern in Großen-Buseck lebt und momentan ihre Bachelorarbeit über das Lahnfenster vollendet. Dass gerade zwei Frauen im Krimi-Erstling »Verlorene Kinder« ermitteln, habe seine Ursache unter anderem darin, dass eine solche Konstellation sowohl in Fernsehfilmen als auch in Romanen äußerst selten vorkomme, so die Studentin. Mittlerweile schreibt sie bereits am sechsten Roman um die Gießener Ermittler, doch ob auch die Fortsetzungen veröffentlicht werden, hänge von den Verkaufszahlen des ersten Gießen-Krimis ab – mehr als die Hälfte der ersten Auflage ist bereits veräußert.

Eine Karriere als hauptberufliche Schriftstellerin plant Spitzner, die ihr Studium mit dem Master fortsetzen will, jedoch nicht. Das Schreiben solle Hobby bleiben, betont die 22-jährige, die phasenweise auch Gedichte, Kurzgeschichten und Fantasyromane verfasst und die Literatur als Ausgleich zum Studium betrachtet. Oder vielleicht spricht man doch besser von Passion? »Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich bereits als Kind für meinen kleinen Bruder Geschichten erdacht habe. Die Gedanken wollten schon immer raus, und mit 14 habe ich dann einen Schnulzenroman geschrieben«, erinnert sich Spitzner.

Ihr erstes mittelalterliches Fantasybuch, den Roman »Dämmergeister«, habe sie ebenfalls schon als Teenager begonnen, und seit 2007 ist das Werk, das eine »Die Erben der Magier« betitelte Reihe einleiten sollte, bei »Books on Demand« erhältlich. Und auch für die Zukunft plant die Großen-Buseckerin, die phasenweise mal 20 Seiten in drei Tagen und dann wieder wochenlang nichts schreib, eine Fantasyreihe. Der Plot für »Die Hexen von Tylamor«, die in vier Bänden erscheinen soll, ist schon erdacht.

In jedem Fall darf man gespannt sein, denn das Spitznersche Werk, aus dem die Schriftstellerin 2009 auch im Rahmen der Reihe »Eine(r) liest« vorgetragen hat, ist durchaus ambitioniert. Die Texte haben eine Botschaft, die deutlich an der Verlorene-Kinder-Ermittlerin Sandra ablesbar ist. Mit ihrer Hülle äußerer Härte kompensiert die Polizistin innere Schwäche und verbirgt so ihr wahres Ich. Anne Spitzner meint: »Das war beim Schreiben so zunächst nicht geplant, doch später wurde mir klar, dass mein Text dem Leser auch vermitteln soll, dass man gerade in Büchern eine wichtige Lebenserfahrung sammeln kann. Sie lautet: Die Dinge sind nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.«

Stephan Scholz

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