15. Juni 2018, 06:00 Uhr

Kindertagesstätten

Tabubruch in den Kitas

Die Stadt Gießen setzt bei der Kleinkindbetreuung nicht mehr allein auf Erzieherinnen und Erzieher. Künftig sollen auch Hilfskräfte eingesetzt werden.
15. Juni 2018, 06:00 Uhr

Von Karen Werner , 1 Kommentar
Für »alltagsunterstützende Tätigkeiten« sollen ab nächstem Jahr Zusatzkräfte in den Gießener Kindertagesstätten eingestellt werden, vor allem in der U3-Betreuung. (Foto: dpa)

»Wir brauchen diese Öffnung. Ich freue mich, dass wir pilotmäßig vorangehen.« Für Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) ist es keine Notlösung, sondern ein notwendiger Tabubruch: Die hoch qualifizierten Erzieherinnen in den Gießener Kindertagesstätten sollen künftig von Hilfskräften ohne einschlägige Ausbildung unterstützt werden. Diese müssten natürlich geeignet sein und qualifiziert werden, betonten die Fachleute im Jugendhilfeausschuss. Einstimmig billigten sie das Vorhaben, das namentlich der Ausschussvorsitzende und Grünen-Stadtverordnete Klaus-Dieter Grothe angestoßen hatte.

Gießen ist laut Grothe Vorreiter. Zwei Gründe sprächen dafür, »alltagsunterstützende Tätigkeiten« auch von Ungelernten erledigen zu lassen: Der Erzieher-Markt ist leergefegt, und Unterstützer sind nicht so teuer wie Fachkräfte. Das Jugendamt rechnet mit Mehrausgaben von etwa 500 000 Euro im Jahr für 15 Vollzeitstellen. Die Stadt wolle sie – wenn die Stadtverordneten diesen Posten im Haushalt nicht kippen – alleine finanzieren, ohne die Eltern zu belasten, sagte Grothe auf GAZ-Nachfrage.

Kita-Leiterin: "Gute Ergänzung"

Im nächsten Jahr sollen die Zusatzkräfte zu arbeiten beginnen, und zwar in städtischen wie in Einrichtungen freier Träger. Eine Viertelstelle ist verpflichtend vorgesehen für jede U3-Gruppe, altersgemischte Gruppe und eingruppige Kita; insgesamt für 75 Gruppen. Die Änderung der entsprechenden Richtlinien hat der Jugendhilfeausschuss am Mittwoch beschlossen. Sie werden Bestandteil der Verträge mit den Betreibern.

Ist diese Öffnung für Ungelernte ein »Notnagel«? Das fragte Monika Schindler vom Kinderschutzbund und bekam mehrmals ein klares Nein zur Antwort. Im Gegenteil, das Vorhaben sei pädagogisch sinnvoll, erklärte etwa Gisela Zimmermann, Leiterin der Caritas-Kita St. Vinzenz: »Das ist eine gute Ergänzung, die U3 ein bisschen offener macht. Wir müssen anfangen, anders zu denken.« Es gebe zum Beispiel Hauswirtschaftskräfte, die gern auch in anderen Bereichen der Kita mehr mitarbeiten würden.

Fachkräfte fehlen

Denkbar sei auch das Interesse etwa von (ehemaligen) Tagesmüttern, ergänzte die stellvertretende Jugendamtsleiterin Gabi Keiner. Eigentlich wolle die Stadt möglichst viele von ihnen in der Tagespflege halten. Ein eigenes Modellprojekt »Kita-Einstieg« sei geplant für Migranten mit in Deutschland nicht anerkannter Ausbildung.

»Ich habe schon immer gesagt: Es ist eigentlich ein Skandal, dass Menschen, die über Jahre Kinder als Tagespflegepersonen zu Hause betreut haben, keine Stelle in einer Kita bekommen können«, sagt Weigel-Greilich dazu. Die Anforderungen für die Ausbildung zur Erzieherin sind in den letzten Jahrzehnten stetig auf ein fast akademisches Niveau gestiegen; auch deshalb fehlen nun Fachkräfte.

Zu dünne Personaldecke schadet

Keine Debatte gab es um das Ziel, den Personalschlüssel in der Kleinkinderbetreuung weiter zu verbessern. Das Hessische Kinderförderungsgesetz Kifög sieht eine Fachkraft pro sechs Kinder vor. Die Stadt Gießen schreibt ein Verhältnis von 1:5 vor, mit den Zusatzkräften soll es 1:4,5 betragen. Grothe zitierte neuere Studien, denen zufolge eine dünne Personaldecke schaden kann: Kinder, die vor dem dritten Lebensjahr betreut wurden, wiesen in der Schule bei Sprache und Denken Vorsprünge auf. Wenn die Betreuungsquote schlecht war, zeigten sie aber häufiger soziale Verhaltensstörungen. Unter anderem bräuchten die ganz Kleinen noch Hilfe beim Austragen von Konflikten, erläuterte der Kinder- und Jugendpsychiater.

Daher sollen die Zusatzkräfte keinesfalls Praktikanten sein, sondern dauerhafte Bezugspersonen mit unbefristeten Arbeitsverträgen, betonte Keiner. Bezahlt werden sollen sie ähnlich wie »Kinderpflegerinnen«.

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