Israel-Ausstellung

Studierende setzen Zeichen gegen Judenhass

In Gießen haben junge Leute am Tag der Staatsgründung Israels vor 70 Jahren ein Zeichen gesetzt – für den Judenstaat und gegen Antisemitismus.
16. Mai 2018, 11:00 Uhr

Von Burkhard Möller , 3 Kommentare
»Kippa-Tag« am Montag in Frankfurt: Hunderte Frankfurter protestierten so gegen Antisemitismus. (Foto: dpa)

So viele junge Leute als Zuhörer hatte Marion Balser wohl noch nie. »Das war ein ganz anderes Publikum«, freut sich die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya noch am Tag danach über die Veranstaltung im Großen Hörsaal der Biomedizin in der Schubertstraße. Rund 150 Personen, die allermeisten Studierende, sind der Einladung der Studentischen Initiative gegen Antisemitismus am Montag gefolgt.

Seit knapp einem Jahr gibt es die Gruppe. In ihr haben sich junge Menschen zusammengeschlossen, die Partei ergreifen für den Staat Israel – ohne Wenn und Aber. Noch bis zum 3. Juni präsentiert die Inititiave aus Anlass des 70. Jahrestags der Staatsgründung Israels im Foyer der Biomedizin eine Ausstellung, die die israelische Botschaft in Berlin zur Verfügung gestellt hat. »Einseitig« sei die Darstellung, wird sich später ein Zuhörer der Auftaktveranstaltung, in deren Mittelpunkt ein Vortrag der Gießener Politikwissenschaftlerin Dr. Alexandra Kurth steht, beschweren. Die Uni sei eben ein Ort der Meinungsvielfalt, antwortet Randi Becker für die Initiative. Andere Gruppen könnten andere Sichtweisen präsentieren.

In ihrer Begrüßung macht sie deutlich, warum sie der Vorwurf der Einseitigkeit nicht trifft. »Der Antisemitismus hat sich transfomiert. Der Judenhass versteckt sich heutzutage hinter scheinbar berechtiger Israel-Kritik«, sagt Becker und übt Kritik an den deutschen Medien, in denen Israel als »ewiger Aggressor« dargestellt werde.

Man hat nicht nur Freunde, wenn man sich für Israel einsetzt

Marion Balser, Partnerschaftsverein Gießen-Netanya

Referentin Kurth, die am Institut für Politikwissenschaft der JLU arbeitet, sieht Israel ebenfalls als »Projektionsfläche« für einen weltweiten Antisemitismus. In ihrem Vortrag spannt sie den Bogen von deutschen Vordenkern des Judenhasses aus dem 19. Jahrhundert wie dem Journalisten Wilhelm Marr oder dem Gießener Revolutionär Adolf Ludwig Follen bis zu aktuellen Ausdrucksformen des Judenhasses im neonazistischen Milieu sowie zum muslimisch-arabischen Antisemitismus, der momentan die Debatte in Deutschland oder Frankreich bestimmt. Zudem gebe es mit Blick auf die bundesdeutsche Erinnerungskultur eine »sekundär-schuldabwehrende« Form des Antisemitismus, die sich auch in Umfragen niederschlage. So seien 50 Prozent der Deutschen der Meinung, dass Israel eine »Vernichtungspolitik« gegenüber den Palästinensern betreibe, die nicht besser sei als die Judenverfolgung durch die Nazis.

Kurth hat ein anderes Bild vom Judenstaat: »Israel ist die einzig funktionierende Demokratie im Nahen Osten und trotz der ständigen Bedrohung ein Zufluchtsort und eine Lebensversicherung für Menschen, denen nach dem Leben getrachtet wird, weil sie Juden sind.« Israel, das so groß wie Hessen sei, werde regelmäßig mit der »totalen Vernichtung« gedroht, sagt Kurth und fügt hinzu: »Antisemiten tun im Zweifel, was sie sagen.«

Im Publikum gibt es auch kritische Stimmen. Der Stadtverordnete Michael Janitzki (Gießener Linke) nennt Israels Reaktionen auf die Angriffe und Proteste der Palästinenser »unverhältnismäßig«. Ein anderer Zuhörer verpackt ein antisemitisches Klischee in Form einer Frage an Kurth. Die Referentin solle erklären, warum die Juden das einzige Volk in der Geschichte seien, das fortwährend verfolgt werde.

Marion Balser vom Partnerschaftsverein kennt solche Töne. In ihrem Grußwort hat sie zu Beginn der Veranstaltung über Anfeindungen berichtet, zum Beispiel am Infostand in der Fußgängerzone. »Man hat nicht nur Freunde, wenn man sich für Israel einsetzt«, sagt Balser.

 

Die Ausstellung »Die Geschichte Israels« ist bis zum 3. Juni wochentags im Foyer des Biomedizinischen Forschungszentrums (BFS) in der Schubertstr. 81 zu sehen. Im Rahmenprogramm sind noch zwei Veranstaltungen geplant:

Dienstag, 22. Mai, mit Martin Sehmisch von der Infostelle Antisemitismus Kassel. 18 Uhr im Großen Hörsaal des BFS.

Montag, 28. Mai, Diskussion mit Volker Beck und Janette Ehrmann zum Thema »Antisemitismus heute«, 15 Uhr Margarete-Bieber-Saal in der Ludwigstr. 34.

Info

Exodus in Partnerstadt

Deutlich über 200 000 Einwohner zählt Netanya, Gießens Partnerstadt in Israel. Neben Hebräisch, Englisch und Russisch wird mittlerweile auch viel Französisch am kilometerlangen Strand der wachsenden Mittelmeerstadt gesprochen. Tausende französische Juden sind in den letzten Jahren nach Netanya ausgewandert, weil sie sich in Frankreich nicht mehr sichern fühlten. Netanya, das seit 1978 Partnerstadt von Gießen ist, gilt mittlerweile als »französische Hauptstadt« Israels. (mö)

 

 

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