22. Oktober 2017, 05:00 Uhr

Stottern

Stottern statt Schweigen

Wegen seiner Sprachstörung wurde Joachim Haas so sehr gemobbt, dass er sich das Leben nehmen wollte. Zum Welttag des Stotterns erzählt er seine Geschichte.
22. Oktober 2017, 05:00 Uhr

Joachim Haas hat eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Doch während des gesamten Gesprächs rührt er sie nicht an. Es gibt zu viel zu erzählen. Es wirkt fast, als ob der 39-Jährige etwas nachzuholen hätte. Denn 15 Jahre hat er kaum ein Wort gesprochen. Der Grund steht auf seinem T-Shirt geschrieben: »Ich stottere.« An diesem Vormittag verlassen die Sätze seine Mund aber weitestgehend flüssig. Nur selten stockt es, und wenn, dann liegt es meist am »B«. Zum Beispiel, wenn er über seine »B-B-Bäckerausbildung« spricht. Oder über den Zug, der an ihm »vor-b-b-bei« gerauscht ist. Jener Zug, der sein Leben eigentlich beenden sollte.

800 000 Deutsche stottern

Haas ist einer von 800 000 Deutschen, die an der Sprachstörung leiden. Mit dem Welttag des Stotterns, der am 22. Oktober begangen wird, soll auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht werden. Denn noch immer müssen die Betroffenen mit Mobbing und Vorurteilen leben. Zum Beispiel, dass sie psychisch krank oder zurückgeblieben seien. Vorwürfe, die Haas nicht nur einmal gehört hat. »Ich wurde auch schon als Psychopath beschimpft.« Doch es geht noch schlimmer: »Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, hat mir ein älterer Herr im Bus mal gesagt: Dich hätte man früher vergast.«

Bis zum vierten Lebensjahr kein Wort gesprochen

Haas wurde 1978 in Gießen geboren. Es sollte eine Weile dauern, bis seine Eltern merkten, dass etwas nicht stimmte. Während die anderen Kinder brabbelten, blieb Joachim stumm. Andere Mütter freuten sich über das erste »Mama«, bei den Haas’ wurden die Sorgen hingegen größer. Hat der Junge etwas? Ein organisches Leiden? »Sie waren mit mir bei etlichen Ärzten, wir haben die ganze Uniklinik durchgemacht«, erzählt Haas. Doch die Mediziner fanden nichts. Und so schwieg der Junge weiter. Bis zu seinem vierten Lebensjahr. Dann fing das Stottern an.

Der Körper als Taktgeber

»Um in das Sprechen reinzukommen, habe ich mir auf die Oberschenkel gehauen und mit dem Oberkörper gewippt«, erzählt der Gießener. Sein Körper sei so zum Taktgeber, zu einer Art Metronom geworden. Dazu verkrampfte sein Körper, er ballte die Fäuste und verzerrte das Gesicht. »Auf Außenstehende wirkte das sehr beängstigend.«

Drei Selbstmordversuche

Für Haas wurde die Situation bald unerträglich. Er sah nur noch einen Ausweg: »Einmal lag ich schon auf den Bahnschienen, ein anderes Mal wollte ich mir ein Brotmesser in den Hals rammen. Von der Brücke springen wollte ich auch. Doch irgendetwas hat mich immer abgehalten.« Beim ersten Suizidversuch war Haas 9 Jahre alt, beim zweiten 13, beim letzten 14.

Mit der Zeit wurde die Sprechangst so groß, dass er nicht mehr wagte, den Mund aufzumachen. »Ich habe mir gedacht: Wenn man mich nicht stottern hört, werde ich auch nicht verarscht, gemobbt und ausgegrenzt.« Also schwieg er. Mal wieder.

Bauchschmerzen vortäuschen

Viele stotternde Menschen verhalten sich so. Haas erinnert sich zum Beispiel an einen Bekannten, der lieber kilometerweit gelaufen ist, als sich beim Kauf eines Bustickets zu blamieren. »Das nennt man Stilmittel der Vermeidung.« Er selbst habe zum Beispiel Bauchschmerzen vorgetäuscht oder sei absichtlich vom Stuhl gefallen, um im Unterricht nicht vorlesen zu müssen.

Witze mit anderen Stotterern

Besser sei es erst nach der Schule geworden, sagt Haas. »Ich habe eine Bäckerausbildung gemacht. Dabei hatte ich einen väterlichen Lehrmeister, der mich sehr unterstützt hat.« Richtige Fortschritte habe er aber erst durch eine Therapie bei einem renommierten Hamburger Logopäden gemacht. Und natürlich durch die Gießener Selbsthilfegruppe. »Das war wie eine Befreiung für mich«, sagt Haas. Endlich unter Gleichgesinnten, die verstanden, wie er sich fühlte. Mit denen man Sprachübungen machen konnte – und mitunter sogar Witze. »Lachen hilft«, sagt Haas. Dann fügt er grinsend an: »Wenn’s mal wieder länger dauert.«

Bis heute keine Erklärung

Bis heute hat die Medizin keine Erklärung, warum Menschen stottern. Klar ist: Die Betroffenen können daran arbeiten, heilbar ist die Störung aber nicht. Haas hat sich daher arrangiert. »Wenn man einen Feind nicht besiegen kann, mache ihn zu deinem Freund.« Mal sei das Stottern stärker, zum Beispiel wenn er müde sei, mal falle es kaum auf. »Das ist von der Tagesform abhängig.«

Immer noch Mobbing

Die Zeiten haben sich geändert, Mobbing ist weniger geworden. Trotzdem müssen auch heute noch viele stotternde Menschen mit Diskriminierungen leben. Aber Haas lässt sich davon nicht mehr einschüchtern. Er redet einfach, auch wenn der Kaffee dabei kalt wird. Geschwiegen hat er lange genug.

Info

Aussprechen lassen

Für Außenstehende ist es nicht immer einfach, angemessen auf einen stotternden Menschen zu reagieren. Haas erklärt, was den Betroffenen wichtig ist: Aussprechen lassen, nicht ins Wort fallen und Augenkontakt halten. »Also ein ganz normaler Umgang wie unter Normalsprechenden auch.« Wer selbst stottert und Kontakt zu Gleichgesinnten sucht, kann die Selbsthilfegruppe in Gießen besuchen. Joachim Haas ist der Ansprechpartner. Weitere Infos unter www.giessen.stottern-hessen.de.

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