24. März 2016, 10:15 Uhr

Stolpersteine in Gießen verlegt

Gießen (srs). 19 Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus wurden gestern in der Innenstadt verlegt. Wir waren beim bewegenden Mahngang von der Plockstraße über den Reichensand, über die Bahnhofstraße bis zum Kirchenplatz dabei. 
24. März 2016, 10:15 Uhr
(Foto: Oliver Schepp)

Stille herrscht am Reichensand. In den Augen von Barbara Dumas stehen Tränen. Langsam beugt sich die ganz in Schwarz gekleidete Gießenerin nach unten, legt drei gelbe Rosen auf den Bordstein. Die Flammen dreier Teelichte flackern im Wind. Der Blick der 62-Jährigen richtet sich auf glänzende, soeben im Boden verlegte Messingplatten. Sie tragen die Namen ihrer Mutter sowie ihrer Großeltern: Maria Mettbach sowie Klara und Peregrinus Mettbach – Gießener Sinti, die im Juni 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. Seit gestern erinnern Stolpersteine an sie.

50 Menschen haben sich am Mittwoch in der früheren Wolkengasse eingefunden. »Ich bin sehr bewegt«, sagt Dumas. »Aber auch glücklich über das Gedenken an meine Mutter.« Zwei ihrer Schwestern sind ebenfalls gekommen, umarmen sich, geben sich Trost. In diesem Moment erinnert die Verlegung von Stolpersteinen an eine Beerdigungsfeier – und verdeutlicht, wie lebendig und aufwühlend diese Form des Erinnerns sein kann, selbst wenn in Gießen bereits 145 derartige Steine verlegt worden sind.

Klara und Peregrinus Mettbach starben im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Maria Mettbach überlebte, wohnte nach ihrer Rückkehr nach Gießen bis zu ihrem Tod im Jahr 1991 im Riegelpfad. Erstmals überhaupt erinnern nun Stolpersteine an das Schicksal Gießener Sinti unter dem Nationalsozialismus. »Es ist wichtig, dass wir keine Unterschiede zwischen den Opfern machen«, betont Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in einer kurzen Ansprache.

Insgesamt 19 Stolpersteine verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig am Mittwoch. Es ist ein Mahngang von der Plockstraße über den Reichensand, die Bahnhofstraße bis zum Kirchenplatz. Mitglieder der Koordinierungsgruppe Stolpersteine in Gießen sowie drei Ricarda-Huch-Schülerinnen erinnern an das Leben der Verstorbenen.

Demnig kniet auf dem Bordstein. Die Krempe des Huts auf seinem Kopf wirft einen breiten Schatten. Mit einem Hammer klopft der Künstler die Steine fest. Dann schüttet er Beton in die Fugen, zieht mit einem Spachtel die Oberfläche glatt. Schließlich putzt er behutsam die Messingplatte mit einem Tuch. »Wer die Namen lesen will, muss sich vor den Opfern verbeugen«, sagte er. Um Platz für die Messingplatten zu machen, hat vorher der für die Stadt arbeitende Leo Vogel mit einem Eisen Pflastersteine aus dem Boden gestemmt. »Für die Stolpersteine habe ich meinen Urlaub verlegt«, erzählt er.

57 000 Steine hat Demnig europaweit bereits eingebracht – gestern beispielsweise auch in Hungen. Besteht da nicht die Gefahr, dass Routine einkehrt? Als am Reichensand Tränen fließen, erklärt der Künstler: »Von wegen Routine.« Jeder Stein stehe für ein persönliches Gedenken.

In der Bahnhofstraße 2 kommt der Mahngang zum Stehen. Ludwig Stern sowie seine Frau Betty hätten hier gelebt, berichtet Ursula Schroeter. »Er war ein Ellenwarenhändler, entstammte einer angesehenen jüdischen Wiesecker Familie. Dann kamen die Nazis.« Während seine Ehefrau in Theresienstadt ermordet wurde, überlebte Ludwig Stern. In Gießen habe er es aber »nicht lange ausgehalten. 1949 wanderte er in die USA aus.« Die Gießener Koordinierungsgruppe stehe mit einer in New York lebenden Enkelin Sterns in Kontakt. »Sie hat erzählt, sie und ihre Familie stehen jetzt in New York extra aus dem Bett auf, um an uns und die Verlegung der Stolpersteine zu denken.«

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