14. November 2018, 21:41 Uhr

Störche, Gift und neue Kleider

14. November 2018, 21:41 Uhr
Der Wiesecker Gartenkalender stellt Sozialgeschichte statt »Blumenidyll« in den Mittelpunkt, betonen die Heimatverein-Vertreter (v. l.) Rolf Mank-de Vries, Wolfgang Bellof und Wolfgang Pischel. (Foto: Schepp)

Allmorgendlich ziehen die berufstätigen Frauen und Mädchen singend und sogar strickend zur Arbeit nach Gießen. Die Oma taucht die Spatzenfalle in den alten Waschkessel hinter der Scheune, jäh verstummt das Gezeter der Vögel. Die Störche müssen kaum um ihr Leben fürchten. Ihre Nester bauen sie gern aus frisch gesteckten Zweigen, an denen sich eigentlich Erbsen emporranken sollten. Ungewöhnliche Einblicke in das Dorfleben bietet der neue Kalender der Heimatvereinigung Wieseck. Mit dem Titel »Wiesecker Gärten« versammelt er kein Blumenidyll, sondern historische Fotografien und Texte zur Sozialgeschichte des Stadtteils.

Seit zehn Jahren gibt es den Wandkalender, der sich im Stadtteil großer Beliebtheit erfreut. Für die »Jubiläumsausgabe« hat Rolf Mank-de Vries wieder Schätze aus seinem Familienarchiv zusammengestellt und kommentiert.

Verkauf beginnt am Sonntag

Die ältesten Aufnahmen machte sein Vater, geboren 1913, schon als Jugendlicher mit einer Kamera, die ihm sein Onkel geliehen hatte. Für ihn posierten die Nachbarsmädchen in ihren neuen Kleidern im Garten, er dokumentierte die Bewirtschaftung von Äckern am Lichtenauer Weg mit Ochsengespannen.

Auch Sohn Rolf fotografierte gern. In den 1960er und 70er Jahren hielt er etwa den Grünzug an der Badenburger Hohl fest, malerisch schiefe Lattenzäune und immer wieder die »grüne Insel« hinter dem Anwesen an der Rabenauer Straße, in dem der Großvater seine Schreinerwerkstätten betrieb. Bis 1936 hatte es der jüdischen Familie Meyer gehört.

Der pensionierte Kunstlehrer, heute 72 Jahre alt, schrieb eigens für den Kalender ausführliche Erläuterungen, die – zusammen mit weiteren Fotos – erstmals auf den Rückseiten gegenüber dem eigentlichen Bild stehen. Darin erklärt er unter anderem, dass der Name »Bilsengärten« vom giftigen Bilsenkraut herrührt, dass die knappen Grünflächen fast ausschließlich zum Gemüseanbau und zur Hühnerhaltung genutzt wurden und wie seine Grundschulklasse einst die Samen der Riesen-Sonnenblume aus dem großelterlichen Garten zählte: 1750 Kerne trug eine einzige Blüte.

»Wir sind froh, dass wir Rolf haben«, sagt der Heimatverein-Vorsitzende Wolfgang Bellof. An der Gestaltung mitgewirkt hat der frühere Schriftsetzer Wolfgang Pischel.

Die 220 Exemplare sind zum Preis von je zehn Euro zu haben, und zwar erstmals am Sonntag (18. November) im Heimatmuseum (Philosophenstraße 8) zwischen 14 und 17 Uhr. Letztmals ist dabei die Sonderausstellung über Handarbeiten zu sehen, ab 14 Uhr hält Dietmar Boscek einen Vortrag über die Seidenstraße. Danach kann man den Kalender beim Lichterfest am 1. Dezember und die Restexemplare ab 3. Dezember in einigen örtlichen Geschäften erwerben. »Weil die Auflage limitiert ist, ist er für viele Wiesecker ein Sammelobjekt geworden«, weiß Bellof. Zwei einstige Wieseckerinnen lassen sich den Kalender alljährlich in ihre heutige Heimat Amerika schicken.

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