20. Mai 2014, 17:18 Uhr

Stadtführung zur Bergkaserne: Vom Kaiser zur Kanzlerin

»Das Gelände ist vermutlich schon im nächsten Jahr nicht mehr wiederzuerkennen«, gibt Karl-Heinz Reitz bei der Stadtführung »Vom Kaiser zur Kanzlerin – über 100 Jahre Bergkaserne« zu bedenken. Ein Grund mehr, sich das Konversionsareal noch einmal bei einer geführten Tour genauer anzusehen.
20. Mai 2014, 17:18 Uhr
Hier gingen einst Soldaten ein und aus. (dkl) (Foto: Dagmar Klein)

Gleich zu Beginn der Stadtführung am Sonntagnachmittag musste der militärgeschichtliche Experte Karl-Heinz Reitz die gut 30 Interessenten enttäuschen. »Nein, die Kanzlerin war nicht hier«, wie man dem Titel der Führung nach hätte glauben können, »aber der Kaiser schon.« Am 1. Mai 1906 kam er mit dem Auto von Bad Homburg gefahren, stieg im Innenhof der Bergkaserne aufs Pferd, um standesgemäß begrüßt zu werden von Oberbürgermeister Mecum, Universitätsrektor Prof. Behaghel, Provinzialdirektor Dr. Breidert und Regimentskommandeur von Lindenau. Nach der Inspizierung des Regiments ging es mit den Soldaten im Marsch die Grünberger Straße hinunter bis zum Zeughaus, »wo Seine Majestät das kleine Frühstück einnahm«. Dann wurde er an den Bahnhof gefahren, wo der Sonderzug nach Potsdam auf ihn wartete. Die Gießener Stadtväter beschlossen kurze Zeit später die Grünberger Straße in Kaiserallee umzubenennen, was nach dem Zweiten Weltkrieg wieder rückgängig gemacht wurde.

+++ Mehr Fotos aus der Bergkaserne in der Bildergalerie

Ein anderer Platz mit denkwürdigem historischem Ereignis dient längst den Autos zum Parken. Er liegt zwischen den früheren Wirtschaftsgebäuden, von denen eines bereits renoviert und vom Hauptzollamt genutzt wird. Dort wurde im Juni 2006 der Abschiedsappell der Bundeswehr gehalten, mit dem die über 600 Jahre alte Garnisongeschichte der Stadt Gießen zu Ende ging.

1200 Soldaten, 150 Pferde

1885 bis 1887 wurde die »Neue Kaserne« auf dem Kugelberg rechts der Grünberger Straße erbaut, sie bot Raum für 1200 Soldaten und 150 Pferde des 2. Hessischen Infanterieregiments. Sie war hochmodern, da sie bereits mit einer Wasserleitung versehen war, die zudem bis ins Zeughaus weitergeführt worden war. Zu dieser Zeit mussten die Gießener Bürger noch Wasser aus Brunnen holen, hatten außerhäusige Latrinen und offene Abwässerkanäle. Die »Neue Kaserne« hatte zwei Eingänge: an der Grünberger und der Licher Straße. Der Zaun rundum hatte keine Abwehrfunktion, denn auf dem anfangs sechs Hektar großen Gelände wohnten auch Soldaten mit ihren Familien. »Das sah man damals noch lockerer.«, so Reitz.

Die erste Erweiterung erfolgte 1897 an der Grünberger Straße mit dem Neubau der »Städtischen Kaserne«, so genannt, weil sie von der Stadt Gießen vorfinanziert wurde. An deren Stelle befindet sich heute der Einkaufsmarkt. Das historische Gebäude daneben entstand mit der zweiten Erweiterung 1913 als Unterkunft für die Maschinengewehrkompanie mitsamt Stallungen, Reithalle und Übungsräumen. Das Gebäude der MG-Kompanie beherbergt heute die Musikschule, die Stallungen sind längst abgerissen, dort befinden sich die ersten neuen Wohneinheiten.

Vor 1914 waren rund 1800 Soldaten und rund 350 Pferde in der Bergkaserne untergebracht, trainiert wurde außerhalb auf dem Trieb und den Feldern. »Sport im heutigen Sinne gab es damals nicht.«, wusste Reitz. Nach dem Ersten Weltkrieg verblieben in der Reichswehr rund 450 Mann des 15. Reichswehrinfanterieregiments. 1927 wurden wiederum drei Gebäude errichtet, jetzt auf der stadtabgewandten Seite: das Sanitätsgebäude und zwei Wohnhäuser für verheiratete Soldaten. Das Sanitätsgebäude wurde bis 2006 als solches genutzt.

Die nächste Erweiterung fand 1935 im Bereich Licher Straße statt: drei Unterkunfts- und Wirtschaftsgebäude, außerdem weitere Stallungen und Kfz-Hallen. Der Eingang an der Licher Straße wurde erweitert, das alte Forsthaus durch die vorgezogene Mauer integriert und als Wachgebäude genutzt. Seit dieser Zeit wird der Name Bergkaserne benutzt. Die Mannschaftsstärke war 1939 auf 1500 und 650 Pferde aufgestockt. Die sechs markanten Spitzbunker wurden im November 1939 nach Ausbruch des Krieges gebaut, sie boten etwa 1500 Personen Schutz. Geplant war, Teile des Oberkommandos des Heeres in der Bergkaserne unterzubringen.

Zum 125-jährigen Jubiläum des Infanterieregiments 116 wurde das Schmuckrelief an der Außenmauer in Auftrag gegeben und von dem Gießener Bildhauer Carl Bourcarde umgesetzt. Angebracht wurde es zu Jahresbeginn 1938. Diesen Teil der Geschichte erläuterte Kunsthistorikerin und Stadtführerin Dagmar Klein. Ob des erbärmlichen Zustands des Reliefs konnte sie die Anwesenden insoweit beruhigen, dass ein Gutachten zur Restaurierung in Auftrag gegeben ist.

Bei Kriegsende wurde die Kaserne vor den anrückenden US-Truppen am 28. März 1945 geräumt. Diese belegten die Bereiche an der Licher Straße, der Rest wurde vermietet als Wohngebäude, für Speditionen, Druckereien, sogar die Uni-Kinderklinik war hier zeitweilig untergebracht. 1954 begann die Vorbereitung für die Bundeswehr, die im Januar 1957 übernahm. Die großen älteren Gebäude wurden gesprengt, weil Neubauten geplant waren – die aber nie realisiert wurden. Jetzt war die Kaserne mit etwa 500 Mann belegt. In den 70er Jahren kam noch die neue Fernmeldezentrale der Bundeswehr dazu. Ende 1989 begann man mit dem Neubau eines Übungsraums für das Heeresmusikkorps 5, neben dem Gebäude der heutigen Musikschule. Doch wurde dieser nicht mehr fertiggestellt, weil das Ende der Bundeswehr in Gießen sich abzuzeichnen begann. Zwar blieb eine kleine Einheit bis 2001 auf dem Gelände, überließ aber den Teil an der Grünberger Straße bereits ziviler Nutzung.

6. September nächste Führung

Zu dieser hoch informativen zweistündigen Führung hatte die Tourist-Information geladen, denn bekanntlich wird das Gelände derzeit grundlegend umgebaut. Die Besucher spazierten zwischen Alt und Neu, zwischen wucherndem Grün, Erdhügeln und Abrisshalden. Eine eigentümliche Mischung und faszinierende Atmosphäre mit grandioser Aussicht. »Das Gelände ist vermutlich schon im nächsten Jahr nicht mehr wiederzuerkennen«, so Reitz. Letzte Gelegenheit den aktuellen Stand noch einmal mit Erläuterungen in Augenschein zu nehmen, besteht am Samstag, 6. September. Dagmar Klein

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bundeswehr
  • Druckereien
  • Heer
  • Kaiserinnen und Kaiser
  • Karl Heinz
  • Kasernen
  • Musikschulen
  • Pferde
  • Regimente
  • Soldaten
  • US-Truppen
  • Weltkriege
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.