10. Oktober 2018, 21:41 Uhr

Seinem Gewissen gefolgt

10. Oktober 2018, 21:41 Uhr
Ronen Steinke

»Wir können uns nicht erlauben, so jemanden zu vergessen«, sagt Ronen Steinke. Er hat mit seiner 2014 erschienenen Biografie über Fritz Bauer einen entscheidenden Beitrag dafür geliefert, dass die Leistung des Hessischen Generalstaatsanwalts, der fast im Alleingang den Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 auf den Weg und damit eine Nation zum Nachdenken gebracht hatte, nach Jahren des Vergessens gewürdigt wurde.

Mit seinem in zahlreiche Sprachen übersetzten Buch »Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht« war der Redakteur der »Süddeutschen Zeitung« am Dienstagabend im voll besetzten KiZ auf Einladung des Literarischen Zentrums, des Vereins Criminalium und der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur zu Gast. Es moderierte Journalistin Heidrun Helwig. Zur anschließenden – in weiten Zügen dann doch sehr juristisch-spezifischen – Diskussion kam noch der Gießener JLU-Straf- und Strafprozessrechtler Bernhard Kretschmer dazu.

»Die Justiz zum Jagen getragen«

Diskussionsstoff lieferte Steinke mit seinen vorgelesenen Auszügen seiner Bauer-Biografie reichlich. Er habe die »Person in Fleisch und Blut und in all ihrer Zerrissenheit zeigen« wollen, betonte Steinke. Er hatte sich bereits in seiner juristischen Doktorarbeit mit Kriegsverbrechertribunalen von 1945 bis heute auseinandergesetzt. Dass selbst in Juristenkreisen der Name Fritz Bauer lange in Vergessenheit geraten war, sei für ihn »unfassbar« gewesen. Schließlich sei dieser »im braunsten Teil des deutschen Justizwesens« und vorbei an allen Regeln vorbildlich seinem Gewissen gefolgt.

Mit Fritz Bauers Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen verbunden sind die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel, die positive Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli und die Frankfurter Auschwitzprozesse. Was macht man juristisch mit einem solchen Verbrechen wie dem fabrikmäßigen und systematischen Morden an Juden? Bauer hat dafür eine radikale Lösung gesucht, indem er Täter von Auschwitz wieder aus der Mitte der Gesellschaft herausholte, einen »Querschnitt durch das Lager« und nicht Einzeltäter auf die Anklagebank setzte und wegen gemeinschaftlichem Mord anklagte. Wer das Morden in Gang hält, ist schuldig, egal ob er selbst jemanden getötet hat oder »nur« in der Kleiderkammer des Lagers Häftlingskleidung austeilte, lautete seine Überzeugung. Bauer sei es wichtig gewesen, dass Deutsche über deutsche Nationalsozialisten richteten und die 22 Angeklagten stellvertretend für 22 Millionen Schuldige stehen, um so ein kollektives Nachdenken über den Holocaust in Gang zu bringen. Um Prävention statt Vergeltung sei es ihm gegangen. Dass die Richter – »die deutsche Justiz musste zum Jagen getragen werden«, so Steinke – ihm da aber nicht folgen wollten und dennoch die Angeklagten nach Einzelstraftaten verurteilten, gehört zur Tragik des Juristen Bauers.

Zur Person Fritz Bauers, der während des Auschwitz-Prozesses selbst seiner Rolle als Generalstaatsanwalt geschuldet eher wie ein Fußballtrainer im Hintergrund taktisch agiert habe, konnte Steinke erhellende Einblicke geben. Der Mann, der als ehemaliger KZ-Häftling und Sozialdemokrat jüdischer Herkunft die Deutschen mit Auschwitz konfrontiert hatte und deswegen Morddrohungen und Schmähungen kassierte, habe sich erst nach 1949, als er aus dem schwedischen und dänischen Exil wieder nach Deutschland zurückkehrte, in Bezug auf seine jüdische Herkunft bewusst bedeckt gehalten. Dies wohl auch, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, Rache üben zu wollen.

Späte Würdigung

Bauer sei es bedauerlicherweise nicht gelungen, die jungen, unbelasteten Staatsanwälte, die für ihn im Auschwitz-Prozess als Ankläger auftraten, auf Dauer zu einen, resümierte Steinke. Umso erfreuter sei er, dass mit der neueren Würdigung Bauers dessen vorbildliche Leistung endlich anerkannt wird: Der Bundesjustizminister hatte in Bauers Namen einen Studienpreis ausgelobt, 1995 wurde ihm das Frankfurter Fritz-Bauer-Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust gewidmet und der Spielfilm »Im Labyrinth des Schweigens« machte das Wirken des Juristen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. (Fotos: dpa/von Felbert

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