01. Juni 2018, 21:37 Uhr

Sehen, Hören, Erleben

In einer Kunsthalle geht es meist um das Sehen. Nicht so bei Heiner Goebbels. Der Komponist, Theatermacher und Georg-Büchner-Professor der JLU verbindet mit seiner Schau »Landschaftsstücke« Klang und Videoinstallation zu einem akustischen Gesamterlebnis. Es ist seine erste Schau in Gießen.
01. Juni 2018, 21:37 Uhr

So manches Mal wirkt das Nebeneinander von Arbeiten mit Tonspuren in Museen und Galerien eher störend. Will man sich auf ein Bild konzentrieren, hört man gleichzeitig aus dem anderen Ecke des Ausstellungssaals irritierende Geräusche. Das ist aber nicht so, wenn Heiner Goebbels das mit seiner kompositorischen Kompetenz ins Gegenteil verkehrt und ein großes Ganzes daraus macht. Der ehemalige Leiter des Instituts der Angewandten Theaterwissenschaften an der Uni Gießen und frühere Ruhrtriennale-Chef erschafft in seiner Ausstellung »Landschaftsstücke«, die ab heute in der Kunsthalle zu sehen ist, einen ästhetischen Zusammenklang aus unterschiedlichsten Bildelementen. Der Betrachter hat dabei freie Auswahl, auf was er seinen Fokus in dem »von Bildern umzingelten Raum« richten will.

In der komplett abgedunkelten und mit schwarzem Teppichboden ausgelegten Kunsthalle sieht man auf fünf rund drei mal fünf Meter großen Flächen teils synchron laufende Videoarbeiten. Deren Tonspuren sind dermaßen stark aufeinander bezogen und miteinander verzahnt, dass auf erstaunliche Weise das Hören ins Zentrum rückt. Es ist eine komplexe, als einstündiger Loop permanent laufende Klangkomposition aus Stimmen, Geräuschen und Musik.

Die mithilfe von Videokünstler René Liebert und Goebbels-Assistent Niels Wehr präsentierten Einspielungen zeigen Ausschnitte früherer Goebbels-Werke: grasende Schafe, Musiker, die Saiten aufziehen, Jugendliche beim Singen oder Ausschnitte aus einer Oper. Aus zwölf Lautsprechern erschallende Klänge untermalen und ergänzen das Gezeigte. Immer wieder entsteht aber auch durch die wechselnde Farbigkeit eine Verbindung. Er wolle die Wahrnehmung verunsichern und den Betrachter in einen unbewussten Zustand versetzen, erläutert Goebbels bei einer Vorabbesichtigung. Schon im Titel »Landschaftsstücke« spielt die Schau mit der Nähe von zeitgenössischen Performing Arts und bildender Kunst, die charakteristisch ist für Goebbels‹ Musiktheaterstücke. So wie es aktuell auch am Stadttheater bei »Mit einem Namen aus einem alten Buch« zu erleben ist (weitere Vorstellungen folgen dort am 8., 9. und 10. Juni, 19.30 Uhr). Der Titel »Landscape Plays« geht zurück auf einen Begriff der amerikanischen Autorin und Kunstsammlerin Gertrude Stein. Sie bezeichnete damit Stücke, die den Bezug von Bühne und Zuschauerraum umkehren. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, auf welche Worte, Formen, Farben, Bewegungen und Bedeutungen er seine Aufmerksamkeit richten möchte. So wie man es auch beim Betrachten einer Landschaft tut.

Mit diesem offenen Begriff von Landschaft hat sich Goebbels schon früh beschäftigt. Solche Arbeiten sind jetzt in der Kunsthalle optisch und akustisch Teil der Ausstellung: »Maelstromsüdpol«, »Landscape with Man being killed by a Snake«, »Landschaft mit entfernten Verwandten« sowie die performative Installation »Stifters Dinge«, aber auch »Hashirigaki«, »Europeras 1/2« und »De Materie« sowie Operninszenierungen. Die Schau sei ein »Blick in eine Ästhetik, die mich schon lange beschäftigt«, sagte Goebbels bei der Pressevorabbesichtigung. Er sei selbst überrascht, nach welchen Kriterien sich das Material neu zusammensetze. »Ich erkunde selbst auch mein Unbewusstes.« Er reiße das Material aus seinem früheren Zusammenhang heraus und setze es völlig neu zusammen. (Fotos: pm/ep)

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