21. April 2014, 21:28 Uhr

Schau für Ricarda Huch zum 150. Geburtstag

Die Ricarda-Huch-Schule würdigt ihre Namensgeberin mit einer Ausstellung. Eröffnung ist am 29. April.
21. April 2014, 21:28 Uhr
Eva Jobst (r.) und Brigitte Itzerott beim Einrichten der Vitrinen. (Foto: Dagmar Klein)

Die Ricarda-Huch-Schule würdigt in den nächsten Monaten den 150. Geburtstag ihrer Namensgeberin mit einer Ausstellung, die am Dienstag, 29. April, eröffnet wird, mit einem Aktionstag am 7. Mai und als Unterrichtsthema. Ricarda Huch (1864 - 1947) war zu Lebzeiten eine bekannte Schriftstellerin, geriet jedoch im Nachkriegsdeutschland weitgehend in Vergessenheit. Das wäre auch in Gießen so, wenn nicht die erste Nachkriegsdirektorin Dr. Lucie Jacobi mit ihrem Amtsantritt 1948 für die Namensgebung gesorgt hätte.

Der 150. Geburtstag von Ricarda Huch am 18. Juli wird auch andernorts gewürdigt, unter anderem wird ihr Erfolgsroman »Der Fall Deruga« neu aufgelegt und ihr zu Ehren eine Briefmarke herausgegeben. Das berichtet Eva Jobst im Vorgespräch mit dieser Zeitung. Die pensionierte Lehrerin der Ricarda-Huch-Schule (RHS) beschäftigt sich seit Langem mit Leben und Werk »der Huch«, ist mit der Familie des Enkels Alexander Böhm bekannt. Einen Briefnachlass hat sie ans Marbacher Literaturarchiv übergeben, das den Huch-Nachlass verwaltet und im Sommer vor 20 Jahren mit einer großartigen Schau samt Katalog an die Schriftstellerin erinnerte (wir berichteten).

Auch die aktuelle Ausstellung in Gießen orientiert sich an den diversen »Stationen ihres Lebens«. Die Stationen reichen von der Geburtsstadt Braunschweig über Zürich, Wien und Triest, München, Berlin und Freiburg bis zu ihrem letzten Wohnort Jena und ihrem Tod bei Frankfurt/Main. Diese Stationen bilden den roten Faden, um das von zahlreichen Umzügen geprägte, lange und ereignisreiche Leben der Schriftstellerin zu erzählen.

Eva Jobst hat viele handschriftliche Briefe gelesen, hat sie transkribiert und damit auch anderen Forschern (inklusive den Nachfahren) dauerhaft zugänglich gemacht, denn die alte deutsche Schrift kann heute kaum noch jemand lesen. Begeistert erzählt sie von den vielen Geschichten hinter den Geschichten. In der Schulbibliothek ist in vier Vitrinen eine faszinierende Fülle von Büchern, Schriftstücken, Fotografien und Objekten ausgestellt. Besonders stolz ist Jobst auf ein Fundstück: eine Postkarte, die an »Ricarda Huch, Gießen, postlagernd« geschickt wurde. Details zu einem Aufenthalt konnte sie bislang nicht herausfinden.

Auch der private Aspekt wird vorgestellt: das Lieblingsbuch aus Kinderzeiten, Fotos mit ihrer Tochter Marietta, eine Sammlung von Glastieren und Ansichtskarten und anderes mehr. Die dazugehörenden Erklärungen sind in einer Begleitbroschüre nachzulesen. Auf Stelltafeln werden Ausdrucke von wichtigen Schriftstücken wie Zeugnissen und dem Doktor-Diplom gezeigt, aber auch ein privater Brief ist dabei, dessen Schwärzungen von der Zensur im Ersten Weltkrieg erzählen. Ziel ist es, das eigenständige Anschauen der Ausstellung zu ermöglichen, so die Ko-Kuratorin Brigitte Itzerott. Führungen sind buchbar über www.rhs-ehemalige.de.

Ricarda Huch führte ein selbstbestimmtes Leben, was ihre Liebschaften und zwei kurzen Ehen anging. Sie verdiente immer ihren Lebensunterhalt, zunächst als Bibliothekarin und Lehrerin, die längste Zeit aber durch das Schreiben. Was keine Selbstverständlichkeit war für Frauen ihrer Generation, die in der Kaiserzeit aufgewachsen waren. Sie absolvierte Abitur und Studium in Zürich, da dies in Deutschland noch nicht möglich war. Dort lernte sie auch Marie Baum kennen, die ihre lebenslange Freundin wurde, bei der sie in Heidelberg eine Zeit lang mit ihrer Tochter wohnte, durch die sie spätestens in der Weimarer Zeit auch politisiert wurde.

Schrieb die Huch anfangs nur Gedichte, wechselte sie während ihrer ersten Ehe zur Prosa, um später vor allem Städtebeschreibungen und Geschichtswerke zu verfassen. Diese wurden vor allem von Frauen gern gelesen, berichtet Jobst, wohl weil Huch eine damals neue Technik anwandte: das flüssige Erzählen, das Aufgreifen von Einzelschicksalen, um historische Zusammenhänge zu erklären. Zur organisierten Frauenbewegung hielt sie Abstand, pflegte auch in ihren Romanen ein eher konservatives Frauenbild. Alles im Gegensatz zu ihrem eigenen Lebensstil, der emanzipiert war, so Brigitte Itzerott.

Huch wurde das erste weibliche Mitglied in der Preußischen Akademie für Dichtung, trat als Einzige 1933 aus Protest gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung aus. Direkt nach Kriegsende nahm sie ihr letztes Projekt in Angriff: ein Buch über die deutschen Widerstandskämpfer. Sie konnte nur noch den Beitrag über die Mitglieder der Weißen Rose beenden.

Ricarda Huch starb 83-jährig beim Umzug nach Hessen, wo ihr Schwiegersohn Franz Böhm von den Amerikanern ernannter Kultusminister geworden war; später bekam der Jurist eine Professur an der Uni Frankfurt. Das Grab von Huch ist auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zu finden.

Anlass genug also, mal wieder eines ihrer Werke zu lesen. Der »Fall Deruga« ist Krimi genug, dass man das auch problemlos tun kann. Eva Jobst hält am Donnerstag, 3. Juli, bei Frau und Kultur einen Vortrag zu Ricarda Huch (Netanya-Saal, 15.30 Uhr). Die Ausstellung in der RHS endet an Huchs Geburtstag, dem 18. Juli. Dagmar Klein

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alexander Böhm
  • Franz Böhm
  • Geburtstage
  • Ricarda Huch
  • Ricarda-Huch-Schule Gießen
  • Weiße Rose
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.