01. Juni 2012, 21:08 Uhr

Saufgelage sorgen für Ärger am Nahrungsberg

Gießen (mö). Die trink- und feierfreudigen Studenten des Corps Teutonia sorgen für Ärger am Nahrungsberg. Die Mitarbeiter einer benachbarten Therapieeinrichtung sprechen von einer »extrem heftige« Situation.
01. Juni 2012, 21:08 Uhr
Überreste eines Saufgelages auf dem Gelände des Corps Teutonia im vergangenen November. Das war ein Ausreißer, sagt die Studentenverbindung. So etwas passiert regelmäßig, beklagen sich die Mitarbeiter des Berthold-Martin-Hauses. Weitere Fotos, darunter von der Zweckentfremdung eines Spei(ß)kübels, liegen der Redaktion vor. (Foto: pv)

»Auch wenn auf Teutonenkneipen in alter Weise gerne und viel getrunken wird, sind sie alles andere als ein rituelles Besäufnis.« So steht’s auf der Website der Gießener Studentenverbindung Corps Teutonia. Ob Ritual oder nicht: Als im vergangenen November das bundesweite »Grünbündertreffen« im Teutonen-Haus in der Hessenstraße stattfand, fuhr ein großer Lkw vor, um palettenweise Bier eines Billiganbieters zu entladen. Am Tag darauf glich das an den Nahrungsberg angrenzende Gelände einem Schlachtfeld.

Das sei kein Einzelfall, beklagen sich die Mitarbeiter des benachbarten Berthold-Martin-Hauses, das zum Verein für Jugendfürsorge und Jugendpflege gehört. Angesichts der Begleitumstände diverser Sauforgien in ihrer direkten Nachbarschaft sprechen sie mittlerweile von »Corps-Hooligans«. Die Teutonen wiederum weisen die Vorwürfe als deutlich überzogen zurück.

Im Berthold-Martin-Haus sind Jugendliche mit Störungen wie Magersucht, Bulimie, Phobien, neurotischen Depressionen oder Pubertätskrisen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren untergebracht. Bereits Anfang April hatten sich die Mitarbeiter der psychotherapeutischen Einrichtung an die Gießener Allgemeine gewandt, nachdem es Ende März zu einem erneuten Besäufnis mit häßlichen Begleiterscheinungen gekommen sei. Nachdem die Redaktion die Gegenseite gehört hatte, wurde nach Rücksprache mit den Beschwerdeführern damals auf eine Berichterstattung verzichtet.

Betreuung leidet

Die Vertreter des Heims setzten ihre Hoffnung darauf, dass die Alten Herren nach der Presseanfrage mäßigend auf die Aktiven des Corps Teutonia einwirken würden. Dies habe sich aber als Trugschluss erwiesen, denn an Pfingsten sei es erneut zu einem größeren Gelage gekommen. Die feiernden Studenten seien bereits am »frühen Nachmittag« alkoholisiert gewesen, hätten sich übergeben, in Richtung des Berthold-Martin-Hauses uriniert und »entblößt« sowie in »aggressiver Manier« volle Bierkästen durch die Gegend geworfen sowie leere Flaschen mit einem Schneeschieber zerstrümmert, schilderte Sozialarbeiter Martin Ebner die Geschehnisse. Bereits in der vorherigen Nacht sei lautstark gefeiert worden. Überdies sei Jugendlichen der Therapieeinrichtung, in der ein striktes Alkoholverbot gilt, draußen auf der Straße Bier angeboten worden. Einige der Vorgänge seien filmisch dokumentiert, zudem gebe es eine ganze Reihe von Zeugen, sagte Ebner. Er sprach von einer »extrem heftigen« Situation, unter der die Arbeit der Einrichtung mittlerweile leide.

Bereits im April hatten er und seine Kollegen die diversen Vorfälle seit 1997 aufgelistet. In den letzten Jahren sei es »schlimmer geworden«, hieß es bei einem Pressegespräch. Daran hätten auch Gespräche mit einigen Alten Herren und der jetzigen Burschen-Generation nichts geändert. Bei diesen Treffen seien die Vertreter der Teutonia immer nett gewesen und und hätten sich verständnisvoll gezeigt, unter dem Einfluss von Alkohol sei das aber alles vergessen gewesen. Dabei spielten offensichtlich auch Vorurteile über die Arbeit mit psychisch Kranken eine Rolle. Wiederholt seien Heimmitarbeiter, die die Nachtruhe eingefordert hätten, als »Psychos« oder »Weicheier« tituliert worden.

Als völlig übertrieben bezeichnete Dr. Jens-Dietrich Rommel, Vorsitzender der Alten Herren der Teutonia, die Vorwürfe der Heimmitarbeiter. Es habe in einem Fall eine »Eskalation« gegeben, und zwar beim besagten »Grünbündertreffen« im vergangenen November. Damals seien zwölf andere Corps nach Gießen gekommen, davon hätten einige das Anwesen in der Hessenstraße ohne Rücksprache mit ihren Gastgebern von der Teutonia, die Gießens ältester Studentenverbindung ist, in Beschlag genommen und den »Garten zerlegt«. Dafür habe man sich bei den Nachbarn entschuldigt.

 Wechselseitige Beziehung

Rommel sprach ansonsten von einem »wechselseitigen« Verhältnis zwischen den Teutonen und der Therapieeinrichtung. Bei beiden Gruppen handele es sich schließlich um junge Leute. So hätten die jugendlichen Bewohner des Berthold-Martin-Hauses die Studierenden auch schon gestört und provoziert. Im Übrigen fühlten sich die Bewohner des Corps-Domizils von ihren Nachbarn, die bei Festen das Gelände fotografierten und filmten, mittlerweile »auf Schritt und Tritt beobachtet«. Der Mediziner bestritt auch, dass Alkohol im Alltag des Corps eine derart herausragende Rolle spielt. »Das ist nicht der ganze Lebensinhalt und auch nicht schlimmer als früher«, sagte Rommel.

 »Polizei guckt nur oberflächlich«

Als die Gießener Allgemeine Zeitung im April bei der Stadt nachfragte, wurde vom Ordnungsamt zwar bestätigt, dass es hin und wieder Beschwerden über lautstarke Saufgelage in Verbindungshäusern gebe, an konkrete Fälle aus dem Bereich Nahrungsberg konnte man sich aber nicht erinnern. Und für die Polizei, die an Pfingsten laut Ebner herbeigerufen worden und auch schnell gekommen sei, würden solche Beschwerden als Ruhestörung unter ferner liefen abgehakt. »Die Polizei guckt nur oberflächlich. Die haben nicht einmal einen Blick aufs Gelände geworfen und sind gleich weitergefahren«, äußerte sich der Sozialarbeiter fast resignierend – und in Erwartung des Stiftungsfestes, das vom Corps Teutonia an diesem Wochenende gefeiert wird.

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