17. August 2018, 14:00 Uhr

Schwulenaktivist

Rosa Flamingo statt graue Taube

Martin Klenner posiert gerne mit seinem rosa Schwimmreifen. Der Schwulenaktivist steht für ein buntes Leben. Der 27-Jährige kümmert sich aber auch um alte Menschen und Benachteiligte.
17. August 2018, 14:00 Uhr
Schräg, schrill und mutig: Martin Klenner wünscht sich und anderen ein buntes Leben. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Der Cappuccino steht vor ihm auf dem Tisch. Doch Martin Klenner kommt selten dazu, einen Schluck zu nehmen. Er hat viel zu erzählen. Vom Glück, seinen Weg gefunden zu haben und von liebevollen Menschen umgeben zu sein. Vom Glück, in Gießen zu leben und sich hier engagieren zu können. Bei der Aids-Hilfe und bei der Bahnhofsmission zum Beispiel. Er erzählt von seinem Studium, von seiner Liebe zu Flamingos und seinem Spaß an schrägen Outfits.

Früher war er eher einer von denen, die mit sich hadern. Die sich ständig in Frage stellen und über die Erwartungshaltung anderer nachdenken. Das hat er abgelegt, darauf ist der 27-Jährige stolz. Seitdem ihm das gelungen ist, fühlt er sich befreit und stark – und von anderen viel eher angenommen.

»Zwingt niemanden, eine graue Taube zu sein«, ist sein Motto. Wobei ihm ganz wichtig ist, zwar zu einem bunten Leben zu ermutigen, es aber genauso zu akzeptieren, wenn jemand bei seinem vermeintlich grauen Dasein bleiben möchte. Wenn er heute bei Christopher Street Days in Deutschland unterwegs ist, geht es ihm natürlich um die Forderung nach Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Identitäten, aber die Sexualität ist nur ein Teil des großen Ganzen. Leben und leben lassen in jeder Hinsicht.

Kinder und alte Menschen freuen sich so unverstellt. Das macht mich glücklich

Martin Klenner

Martin Klenner kommt aus Stadtallendorf. Er ist in Marburg zur Schule gegangen und hat dort Abitur gemacht. Er hat sich schon als Jugendlicher in der Kirchengemeinde engagiert und Kindergruppen betreut. Später während seines Bundesfreiwilligendienstes in Karlsruhe kam die Arbeit mit Senioren hinzu. Beides hat ihm große Freude gemacht: »Kinder und alte Menschen können sich so unverstellt und grundehrlich freuen, das macht einen doch mit glücklich« Nachdem er zunächst ein Studium für das Lehramt begonnen hatte, studiert er heute Erziehungswissenschaften. Den Bachelor-Abschluss hat er bereits, der Master folgt bald. Parallel arbeitet er zweimal wöchentlich in einem Seniorenpflegeheim.

Die Arbeit mit alten Menschen gefällt ihm, er hört gerne zu, er interessiert sich für das, was sie erlebt haben. Biografiearbeit ist ein Themenfeld, das er faszinierend findet und auf dem er so viel Kompetenz erworben hat, dass er sowohl in seinem Fachbereich als auch in Volkshochschule und Familienbildungsstätte (erst Marburg nun auch Gießen) als Dozent tätig ist.

 

Zupacken ist angesagt

Große Freude macht dem 27-Jährigen aber auch die ehrenamtliche Arbeit für die Bahnhofsmission und die Aids-Hilfe. In beiden Einrichtungen, so unterschiedlich sie auch sind, schätzt er die großzügige Herzlichkeit und Zugewandtheit der Mitarbeiter. Anderen Menschen mit Respekt, Achtung und Toleranz zu begegnen, ist für ihn existenziell. Der Grundstein dazu wurde in seiner christlichen Erziehung gelegt, diese Werte entsprechen aber auch seiner Persönlichkeit. Aber bei der Betreuung alter, kranker oder nichtsesshafter Menschen ist nicht nur Zuhören, sondern auch Zupacken angesagt - und das ist nicht immer angenehm. Für Klenner ist das kein Problem: »Wo so viel Sonnenschein ist, darf es ruhig auch mal ein bisschen regnen«, sagt er fast philosophisch.

 

Spaß an Inszenierungen

Klenner liebt Ausflüge zu markanten Orten der Stadt – was er mit vielen Senioren gemeinsam hat. Von diesen Ausflügen kehrt er manchmal mit Fotos zurück und freut sich, wenn sich die alten Menschen an ihre eigenen Besuche dort erinnern und zu erzählen beginnen. Ab und zu ist bei den Exkursionen auch der Flamingo mit von der Partie. Die Fotos mit »Flirty Flamingo« sind aber eher für Instagram und Facebook gedacht als fürs Seniorenheim. Womit wir wieder bei der schrägen, der extrovertierten Seite von Martin Klenner angelangt wären. Er hat einen Riesenspaß an diesen Inszenierungen und freut sich über schrille Begegnungen aus der Queer-Szene. Er ist dankbar, in einem Land leben zu können, in dem das möglich ist.

Die Cappuccino-Tasse ist längst leer. Man könnte noch lange darüber reden, warum es in unserer Gesellschaft dennoch viele Menschen gibt, die rot sehen bei zu viel rosa und buntem um sie herum. Doch ein Blick auf die Flamingo-Uhr signalisiert: Ein andermal. Martin Klenner packt seine Flamingo-Tasche, richtet sein rosa Stirnband und winkt zum Abschied.

Zusatzinfo

Flamingos statt Einhorn

Überall Flamingos. Die Vögel liegen voll im Trend und lösen in der Mode die Einhörner ab. In der Schwulenszene sind Flamingos schon länger beliebt, denn unter ihnen ist Homosexualität verbreitet. Studien zeigen, dass homosexuelles Verhalten im Tierreich häufig vorkommt. Biologen haben es bei 1500 Arten beobachtet. Berühmt wurde kürzlich ein schwules Flamingo-Paar im Zoo von Edinburgh, das ein Junges aufzog, das von seinen Eltern verstoßen wurde.

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