23. Januar 2016, 10:00 Uhr

Reschke besorgt über »verrohte« Debatte

Gießen (kw). Gerade wurde sie vom »Medium Magazin« zur »Journalistin des Jahres« gekürt, ihr Tagesthemen-Kommentar zur Hetze gegen Ausländer vom August ist ein Renner im Netz, fast vier Millionen Mal angeklickt. In Gießen trat Anja Reschke am Donnerstagabend indes keineswegs selbstgewiss auf. 
23. Januar 2016, 10:00 Uhr
(Foto: Screenshot/ARD)

Die 43-Jährige wirkte nachdenklich und erklärte ausführlich die Berichterstattung des von ihr geleiteten ARD-Fernsehmagazins »Panorama« zur Flüchtlingswelle. Die »Lügenpresse«-Vorwürfe gegen eine ganze Branche und die oft »verrohte« Sprache der Debatte bereiteten ihr Sorge, sagte Reschke. Sie sehe »eine Sprengkraft, wie ich sie noch nie erlebt habe.«

Im Rahmen eines Seminars zu »Investigativem Journalismus« hatten die Fachjournalistik-Professorin Ulrike Weckel und das Zentrum für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität öffentlich zu Reschkes Vortrag eingeladen. Rund 150 Gäste kamen ins Philosophikum und zogen in einen größeren Hörsaal um.

Gut zwei Stunden stand Reschke Rede und Antwort, zunächst zum Thema »Unbequem: Das ARD Polit-Magazin Panorama. Kontrolle, Recherche, Verantwortung«. Seit 16 Jahren arbeitet sie für das Magazin, moderiert es seit 2001 und ist seit einem Jahr als Leiterin der NDR-Abteilung Innenpolitik Chefin der Sendung. Wie das Aufdecken von Skandalen durch Journalisten wahrgenommen wird, habe sich in der 55-jährigen »Panorama«-Geschichte stark verändert, erläuterte sie. In den sechziger Jahren mit zwei Fernsehsendern »blieb den Leuten fast nichts anderes übrig, als zuzugucken und sich aufzuregen«, selbst über Petitessen. Heute verhallten etliche Themen anscheinend ungehört und kochten vielleicht Jahre später wieder hoch.

Die ersten »Panorama«-Chefs hätten ihren Posten stets auf Druck von Politikern verloren. Solchen Einfluss gebe es längst nicht mehr. Der Enthüllungsjournalismus habe dazu beigetragen, »die Grundwerte der Demokratie« zu erkämpfen. Anhand einiger Beispiele machte Reschke deutlich, welche Maßstäbe ihre Redaktion anlegt, wenn es um Interviews mit medialen Laien geht. Beispielsweise wurde nicht ausgestrahlt, wie junge Erwachsene ihr Unwissen über den Mauerbau vor der Kamera ausbreiten: So etwas würde auf Widerhall stoßen, könne den Gefilmten aber noch jahrelang schaden.

Lebhaft wurde das Publikum, ernst und verhalten die Referentin beim Thema Flüchtlinge. Fernsehsender könnten immer nur verkürzt über einzelne Aspekte berichten, sagte Reschke. »Es gibt nicht die ultimative Wahrheit.« Seit dem Sommer seien Politik wie Journalisten »herumgeeiert«. Sie und viele andere hätten versucht, einerseits Einzelschicksale von Asylbewerbern darzustellen, andererseits den Hass auf Fremde, der vor allem in Teilen Ostdeutschlands offenbar wurde. Die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln habe sie als Einschnitt empfunden. Sie stelle sich selbst viele Fragen. Hat sie unbewusst »die Schere im Kopf«, wenn es um kriminelle Ausländer geht? Hätten Medienvertreter mehr mit Pegida-Anhängern diskutieren müssen, als sich lustig zu machen?

»So gefallen Sie mir schon besser. Bei Plasberg am Montag hörte sich das alles noch selbstgerechter an«, sagte ein Zuhörer, der sich »als Rechtsaußen diskreditiert« sah. »Ich wehre mich weiterhin gegen alle, die pauschal auf Flüchtlinge schimpfen«, entgegnete Reschke unter Beifall. Sie setze sich gern mit Kritik auseinander. »Furchtbar« finde sie aber, wie im Netz über ihr und andere »kübelweise Dreck ausgeschüttet« werde. Darin zeige sich »Unfähigkeit zu echter Kritik«. Sachliche Informationen würden mitunter nicht mehr geglaubt. Eine Art »verbaler Kampf« entstehe anstelle einer Debatte, wie sie die Demokratie brauche. »Ich weiß nicht, wie wir da wieder rauskommen.«

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