16. Juli 2012, 20:13 Uhr

Reform der GEMA-Gebühren: Droht Discosterben in Gießen?

Gießen (fd). In den Clubs und Diskotheken der Stadt geht die Angst um. Der Grund: Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) plant zum kommenden Jahr eine Reform ihrer Tarife.
16. Juli 2012, 20:13 Uhr
Insbesondere für die Organisation von Livemusik könnte es schwer werden. (Foto: Archiv)

Setzt die Verwertungsgesellschaft ihre Ideen tatsächlich durch, müssen die Betreiber der Tanzlokale künftig grundsätzlich zehn Prozent ihrer Einnahmen aus Eintrittsgeldern als Gebühr für die Musiknutzung entrichten. Dazu kämen in vielen Fällen Zuschläge. Faktisch würde das für die Betreiber gravierende Mehrkosten bedeuten, auch weil bisher übliche Sonderkonditionen wegfielen. Auf das Nachtleben auch in Gießen könnten grundlegende Veränderungen bei Öffnungszeiten, Programm und Eintrittspreisen zukommen.

Eigentlich war man im Scarabée auf Feiern eingestellt: Die Diskothek besteht seit genau 50 Jahren. Nun sagt Betreiberin Inge Menges: »Bei uns steht gerade zur Diskussion, ob wir zum 1. Januar das Scarabée zumachen.« Als Zeichen des Protests gegen die geplante Reform der GEMA-Gebühren stoppte in dem Club wie in rund 600 anderen Diskotheken im Land kürzlich bereits für fünf Minuten die Musik. Menges rechnet vor: »Statt knapp 6000 Euro wie bisher müssten wir ab dem neuen Jahr wohl 23 000 Euro an die GEMA zahlen.« Einige Musikkneipen könnten noch stärker betroffen sein. Inge Menges spricht von bis zu 3000 Prozent höheren Tarifen.

Auch Markus Urich von der Admiral Music Lounge sagt: »Wir werden mit Sicherheit auf das Fünf- bis Sechsfache kommen.« Für das MuK, das immerhin von Stadt und Land gefördert wird, sagt Paul Chrustek: »Wir würden finanziell an unsere Grenze gehen müssen. Wir können nicht in einer Studentenstadt utopische Getränke- oder Eintrittspreise verlangen.«

Wer tanzen will, soll zahlen

In einem Statement heißt es bei der Verwertungsgesellschaft: »Da die Geschäftsgrundlage einer Diskothek ausschließlich auf der Musikwiedergabe beruht, ermöglicht erst die Musik aus dem GEMA-Repertoire eine Diskothekenveranstaltung.« Will heißen: Musiker haben einen Anspruch auf Tantiemen, die GEMA vertritt sie. Wer von der Musik profitiert, der soll auch einen entsprechenden Anteil an die Urheber weitergeben.

Nun fürchten die Betreiber der Clubs, dass für sie nichts mehr übrig bleibt. Das hängt auch damit zusammen, dass die GEMA bei der Berechnung ihrer Gebühren grundsätzlich eine Auslastung von zwei Dritteln zugrunde legen möchte. Bedeutet: Bei einer Fläche von 1000 Quadratmetern verlangt die Verwertungsgesellschaft ab 2013 zehn Prozent der Eintrittsgelder von 1000 Gästen. In einigen Clubs der Stadt kämen da leicht 600 Euro pro Nacht zusammen. Wie viele Gäste aber tatsächlich im Haus sind, wäre für die GEMA nicht relevant. Weniger gut besuchte Veranstaltungen könnten so zu einer Belastung für die Betreiber werden.

Tobias Bach vom Ulenspiegel meint: »Gerade für Livemusik wird es dann noch schwieriger.« Eine Erhöhung der Eintrittspreise für kleinere Veranstaltungen stünde im Raum. Dabei heißt es bei der GEMA: »Etliche kleine und mittlere Veranstaltungen werden Entlastungen erfahren.« Doch auch bei vollem Haus rechnen die Betreiber letztlich mit Mehrkosten. Markus Urich von der Admiral Music Lounge meint: »Man kann nur versuchen, das über Energie und Personal einzusparen. Alles andere wird man an die Gäste weitergeben müssen.«

Heißt es bald: »Eintritt frei«?

Auch scheinen viele Aspekte rund um die geplanten GEMA-Gebühren bisher noch ungeklärt. So bietet die Admiral Music Lounge – wie viele andere Clubs in Gießen auch – häufig freien Eintritt etwa bis 23 Uhr. Urich fragt: »Wie werden die Gäste verrechnet, die nie Eintritt gezahlt haben?« Wenn die Verwertungsgesellschaft zehn Prozent der Eintrittsgelder verlangt und von einem vollen Haus ausgeht, werde es schwer, wenn ein Teil der Gäste nichts gezahlt habe. Einige Betreiber aus der Stadt denken sogar darüber nach, sich diese Lücke zunutze zu machen: Sie könnten sich vorstellen, die Eintrittsgelder radikal zu reduzieren oder abzuschaffen und dafür von den Gästen an der Tür einen Mindestverzehr zu verlangen oder auch die Getränkepreise drastisch zu erhöhen.

Ein weiterer Aspekt: Sobald die Diskotheken länger als fünf Stunden pro Nacht geöffnet haben, sollen sich die Gebühren sprunghaft um 50 Prozent erhöhen. Diese Regelung käme auf ziemlich jeden Club in Gießen zu. Paul Chrustek vom MuK erklärt: »Da wird man überlegen, ob sich längere Veranstaltungen noch lohnen.« Auch in der Admiral Music Lounge denkt man laut darüber nach, die Öffnungszeiten auf fünf Stunden zu reduzieren. »Allerdings wollen die Leute heute bis fünf oder sechs Uhr feiern«, sagt Urich.

Angesichts zahlreicher Proteste auch aus der Politik ist derzeit offen, inwiefern die GEMA ihre Reform umsetzt. Wenn die neuen Tarife kommen, werde man »eine Bereinigung des Marktes im Nachtleben« erleben, meint Chrustek: »Ich gehe davon aus, dass die bereits stattfindende Entwicklung mit immer weniger Ausgehmöglichkeiten in Gießen beschleunigt würde.«

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