Vom »gemeinsamen Haus Europa« sprechen Politiker gern. Über die einzelnen Räume verlieren sie dagegen eher selten viele Worte. »Ein Raum ist aber nicht einfach gegeben, er will gestaltet werden«, betonte Dr. Emmanuel Alloa am Montagabend in der Uni-Aula umso nachdrücklicher. Zugleich wirkten Räume stets selbst gestaltend, denn »sie legen etwa fest, wer wem wo begegnet und was in ihnen ausgetauscht werden kann«.

Im dritten Teil der Ringvorlesung »Europa. Eine Welt von gestern?« des JLU-Präsidenten beleuchtete der Philosoph die Grundlagen des europäischen politischen Diskurses im digitalen Zeitalter. Bereits mit dem Titel seines Vortrags wandte er sich dabei »Wider die Silikonisierung Europas« – und hielt ein leidenschaftliches »Plädoyer für eine andere digitale Öffentlichkeit«.

Dafür kritisierte Alloa zunächst einen weit verbreiteten Trugschluss, nach dem »die Form der Kommunikation auf den Inhalt keinen Einfluss« habe. Tatsächlich gelte das Gegenteil: Formen und Inhalte zeigten sich im Diskurs untrennbar verbunden. Öffentliche Debatten in Europa seien also nie ohne ihre »spezifischen Architekturen«, eben die Formen, denkbar. Unter diesen seien heute und in absehbarer Zeit keine so bedeutsam wie die digitalen Medien, die viele Menschen fälschlicherweise als prinzipiell neutral und offen verstünden: »Architekturen sind aber nie neutral. Das gilt auch für digitale Architekturen.«

Hier führte der Medientheoretiker den Begriff der »Silikonisierung« ein und gab ihm zwei Bedeutungen. Leite man ihn ab aus dem Wortursprung, vom chemischen Element Silicium, meine er eine »besonders große Wandelbarkeit« und so die scheinbar unendlichen Möglichkeiten der Digitalisierung. Im übertragenen Sinne spiele er an auf den großen Einfluss der »Big Four« im Silicon Valley – Google, Apple, Facebook und Amazon.

Jene großen Player propagierten sowohl die Neutralität moderner Technologien als auch ihre allgemeine Zugänglichkeit. Sie bildeten eine »Ideologie des automatisierten Egalitarismus« – nach dem Motto »Alle können mitmachen, alle spielen eine Rolle«. Hier wies Alloa erneut auf ein Missverständnis hin: »Nicht jede Digitalisierung ist per se emanzipatorisch.« Die aktuelle Entwicklung befeuere vielmehr einen »Plattform-Kapitalismus«, der monopolistische Züge trage und geprägt sei von »Meta-Akteuren, die selbst gar nichts anbieten, sondern die Angebote anderer vernetzen und darüber ungeheure Macht ausüben«.

Unterwegs zu einer digitalen Öffentlichkeit von morgen müsse sich Europa zuerst von der Idee verabschieden, »dass digitale Medien immer für Transparenz sorgen«, forderte der Philosoph. Sodann rücke die Teilhabe in den Vordergrund: »Wie organisieren wir den Zugang und die Nutzung bei etwas, was allen gehört?«, laute die entscheidende Frage. Im dritten Schritt schließlich seien die »digitalen Allmenden« zu echten Gemeingütern umzugestalten – beispielsweise über Projekte zur Digitalisierung von Bildungs- und Kulturgütern oder die Einrichtung eines europäischen Medienfonds.

Ganz am Ende dieses Weges könnten »tragfähige Architekturen für einen digitalen europäischen Raum« entstehen, so Alloa, das heißt für einen Raum, in dem der freie und egalitäre sowie kritische und demokratische Diskurs ausreichend Platz hat. Nebenbei hätte Europa dann seinen Ort im digitalen Zeitalter gefunden. Etabliert wäre nun, mit einem Wort: die Digitalunion. (Foto: csk)

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