02. April 2010, 21:44 Uhr

Pilzexperte Schößler gelang weltweiter Erstnachweis eines bisher unbekannten Täublings

Gießen (cg). Er heißt »Russula plumbeobrunnea«, und aus lokalpatriotischen Gründen würde man den Namen gerne noch ergänzen um ein »Gießen« oder auch »Schößler«, denn damit wäre die Sensation sogleich offenbar: Mit dem Burschen von »robustem Habitus und mittlerem Hutdurchmesser« haben wir es mit einem Gießener Ur-Gewächs zu tun, das zuvor noch nie beschrieben worden war.
02. April 2010, 21:44 Uhr
Den »Neuen« gibt es nicht nur in Gießen, aber hier wurde er entdeckt. (Foto: pv)

Gießen (cg). Er heißt »Russula plumbeobrunnea«, und aus lokalpatriotischen Gründen würde man den Namen gerne noch ergänzen um ein »Gießen« oder auch »Schößler«, denn damit wäre die Sensation sogleich offenbar: Mit dem Burschen von »robustem Habitus und mittlerem Hutdurchmesser« haben wir es mit einem Gießener Ur-Gewächs zu tun, das zuvor noch nie beschrieben worden war. Neun Jahre, nachdem der Gießener Pilzkundler die Kollektion unbekannter Täublinge auf dem Neuen Friedhof gefunden hat, ist es nun amtlich: Die deutsche Gesellschaft für Mykologie stellt den neuen Pilz in ihrer aktuellen Zeitschrift vor. »Das ist schon etwas ganz Besonderes, wenn die Artenvielfalt um ein Exemplar aus Gießen bereichert wird«, erklärt Wolfgang Schößler, den es mit großer Freude und Stolz erfüllt, dass er zu diesem Ereignis beitragen durfte.

Bis »Russula plumbeobrunnea Werner Jurkeit & Wolfgang Schößler« es vom Neuen Friedhof in Gießen in die Botanische Staatssammlung nach München geschafft hat, wo er nun aufbewahrt wird, war viel Zeit und viel Arbeit notwendig. Wolfgang Schößler, seit vielen Jahren bekannt als »Gießens erster Naturschützer« und exzellenter Pilzkenner, entdeckte den Täubling im September 2001. Er fotografierte ihn, fertigte ein Protokoll mit den wichtigen Beschreibungen an und schickte dies zusammen mit Exikkaten - einigen getrockneten Exemplaren - an den ausgewiesenen Täubling-Experten Werner Jurkeit, mit dem Schößler eng zusammenarbeitet.

Anfangs ging man davon aus, es mit »Russula parazurea« zu tun zu haben, doch stimmten die keuligen Zellstrukturen nicht zu diesem vermuteten Pilz. Jurkeit und Schößler entschlossen sich, auf die folgende Saison zu warten. Mit Erfolg: An der gleichen Stelle fand sich nach dem Jahrhundertsommer 2003 erneut eine Kollektion, die aus 13 Exemplaren bestand und zweifellos von demselben Myzel, den unsichtbaren Pilzzellen im Boden, abstammt. Die Mikrountersuchungen bestätigten dann eindeutig die Ergebnisse des Erstfundes. Es konnte sich also nicht um den »R. parazurea« handeln, da dieser schlanke oder spindelige Zellstrukturen aufweist.

Weitere Funde an anderen Orten - beispielsweise auf dem Alten Friedhof in Gießen, aber auch in Niedersachsen und Bremen - rundeten das Bild ab, brachten den Experten aber noch keine Klarheit, denn es ergab sich eine Reihe unterschiedlicher Formen der Zellstrukturen. Im Laufe der Jahre und vieler weiterer Untersuchungen reifte die Überzeugung, dass die Variationsbreite dieser »Pileozystiden« eine Besonderheit dieser Art ist. Als weiteres konstantes Merkmal wurden dickere Haare in der Huthaut festgestellt. Unter anderem fanden die Experten heraus, dass »R. plumbeobrunnea« schon 1986 gefunden, aber nicht erkannt und erforscht worden war. Die Farbe des Gießener Täublings variiert von bleigrau, silbergrau und braungrau bis hin zu purpur. Er wächst bevorzugt unter Birken, aber auch in der Nähe von Eichen und Linden.

Den Mykologen Wolfgang Schößler kann man zu allem und jedem befragen, was da kreucht und fleucht. Er gibt geduldig, ausführlich und fachkundig Auskunft. Nur auf eine Frage reagiert er extrem allergisch: »Kann man den Pilz essen?« Angesichts der faszinierenden Vielfalt der Pilzwelt nervt ihn dieses profane Interesse. Seine Standard-Antwort in solchen Fällen: »Wenn man ein Rotkehlchen beobachtet, stellt man sich diese Frage doch auch nicht.«

Apropos Rotkehlchen: Auch mit Vögeln kennt sich der Gießener aus. Schon 1964 gelang ihm am Wölfersheimer See der bis dahin einzige Brutnachweis des Rohrschwirls in Hessen. Im Jahr 2000 folgte gemeinsam mit dem Mykologen Lothar Krieglsteiner der Erstnachweis der Grauen Wiesenkeule für Mitteleuropa. Auch die Erstnachweise (Bundesrepublik) der Schwarzbraunen Keule und des Knorpeligen Glöcklings kann Schößler sich auf seine Fahnen schreiben.

Die Entdeckungen macht ein Mykologe übrigens nicht im Vorübergehen. »Man rutscht auf den Knien herum und sucht mit der Lupe in der Hand den Boden ab«.

Dazu gehört echte Leidenschaft. Und so wundert es nicht, wenn Schößler nach wie vor gerne unterwegs ist. Seine »Beute« der letzten Tage: Weidenkätzchenbecherlinge und Glänzende Schwarzborstlinge - für den Laien unscheinbare Proben vom Waldboden, für den Experten ein Grund zu begeisterter Freude.

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