03. November 2018, 14:00 Uhr

Fiese Männer

Penismonologe in der Studiobühne Gießen

Es beginnt mit Pferdemist. So jedenfalls kommentiert einer der Schauspieler in »Kurze Interviews mit fiesen Männern« die Tiraden seiner Geschlechtsgenossen. Mist gebaut und Mist erlebt haben alle.
03. November 2018, 14:00 Uhr

Von Karola Schepp , 1 Kommentar

Der Penis spricht. Er erzählt, warum ihn Frauen anmachen, was er von ihren Leibern erwartet, warum ihn sogar die kleinen roten Pickel, die nach dem Rasieren weiblicher Beine zu sehen sind, erregen. Der Träger des Körperteils lässt sich von ihm durch die Betten treiben, auf der Suche nach dem nächsten sexuellen Kick. Doch wenn es ernst wird mit der Beziehung und die Frau »erobert« ist, dann ergreift der Jäger die Flucht und schaltet auf »Schubumkehr«.

Es ist nur eines der vielen Klischees und psychologischen Deformationen, die Christian Lugerth in seiner Inszenierung in der taT-Studiobühne vorführt. Die Theaterfassung von David Foster Wallace’ 1999 erschienenem Erzählband »Kurze Interviews mit fiesen Männern« hat er für die Gießener Bühne adaptiert. Klug beschränkt er sich auf nur drei Typen der im Buch 18 fiktiven Interviews und bettet sie stimmig ein in eine Art archetypische Vater-Sohn-Konstellation. Doch Interviews im eigentlichen Sinne sind es nicht, die die drei egozentrischen Männer – lustvoll gespielt von Sebastian Songin, Harald Schneider und David Moorbach – vortragen. Viel eher Penismonologe analog der »Vagina-Monologe« von Eve Ensler.

 

Fiese Männer, arme Würstchen

Um des Mannes bestes Stück geht es mehr oder weniger unentwegt. Die Männer singen wie Monty Python nach der Samenspende voller verzweifeltem Stolz »Every sperm is useful«, schließlich müssen sie sich selbst vergewissern, wie wichtig sie doch sind. Der Geschlechtsakt wird so zum national bedeutsamen Akt, der Mann zum Schöpfer, den nur sein orgastischer Ruf »Sieg für die Kräfte der demokratischen Freiheit« aus dem Konzept bringen kann. Männer demonstrieren Macht, doch hinter ihren Fassaden bröckelt es längst. Was macht einen guten Liebhaber aus? Darf ein Vater seinen Sohn verachten, weil der die attraktive Ehefrau zum Muttertier gemacht hat? Welche Folgen hat sexueller Missbrauch und liegt in dem schrecklichen Erlebnis vielleicht sogar die zynische Chance, im Sinne eines Holocaust-Überlebenden innere Stärke zu erlangen? Darum kreisen ihre Gedanken, die sie in schonungsloser Ehrlichkeit beichten.

Nicht nur weil Lukas Noll die Bühne mit Liegen, Ambulanzvorhängen, Rollstuhl und Infusionsständern ausstattet, sondern auch weil Wilfried Weyl mit Spritze oder Beruhigungssaft immer wieder als stummer Pfleger eingreift, wenn die Herrschaften außer Kontrolle geraten, fühlt man sich als Zuschauer wie in einer psychiatrischen Heilanstalt. Weyl, im echten Leben früher Chefkrankenpfleger der JVA Buseck, kennt sich eben aus mit bösen Jungs. Als Einziger auf der Bühne scheint er in sich zu ruhen, kein psychotischer Männercharakter zu sein. Böse Zungen könnten allerdings behaupten, dass dieser Eindruck vielleicht nur daran liegt, dass er durchgängig schweigt. Denn die Männlichkeit in Gänze hängt auf seiner Krankenstation am Tropf. Selbst die am Ende erklingende Stimme aus dem Defibrillator verhallt folgenlos. Wiederbelebung unerwünscht.

Was die drei Männer erzählen, erinnert an psychologische Fallstudienberichte. Sex als Leistungssport, der Penis als Machtsymbol, die Verachtung des Vaters gegenüber dem als Konkurrent wahrgenommenen Sohn – das alles zeigt, dass diese ach so fiesen Männer in Wahrheit arme Würstchen sind. Dass dies wohl auch für die Machtmenschen dieser Welt gilt, die glauben, als Präsident Frauen zwischen die Beine greifen oder als Filmbosse begrabschen zu dürfen, müsste man sich allerdings dazudenken. Denn die drei fiesen Männer im taT sind im Grunde machtlos – wirken eher wie Opfer, denn als Täter.

Drei überzeugend agierende Darsteller – allen voran Harald Schneider, der die eifersüchtige Tirade des Vaters zum Ereignis macht, das klinische Setting, die deftigen Worte, die Vater-Sohn-Geschichte als roter Faden: All das macht Lugerths Fassung der »Kurzen Interviews mit fiesen Männern« zu einem durchaus vergnüglichen Erlebnis, das die ermüdenden Längen der Originalvorlage hinter sich lässt und zum Nachdenken anregt. Wollen wir solche Männer? fragt »frau« sich beim Schlussapplaus. Und die Antwort darauf ist ein klares Nein.

Auch in der Silvesternacht

Kurze Interviews mit fiesen Männern>

¬Da die »Kurzen Interviews mit fiesen Männern« auch in der Silvesternacht auf dem Spielplan stehen (19 Uhr), könnte bei einigen Paaren der Jahreswechsel mit ernsthaften Beziehungsgesprächen begangen werden. Weitere Vorstellungen gibt es am 10. und 24. November und 20. Dezember.

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